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09.06.08 09:27 Alter: 9 yrs
Kategorie: Texte

Sündenbock oder Feindesliebe

Wandlungen zu einer neuen Ethik


Gerhard M. Walch, Lochau, Vortrag vom Sa. 12. April 2008 zur Matinee und Saisoneröffnung der Friedensräume in Lindau 

Sündenbock oder Feindesliebe -

Wandlungen zu einer neuen Ethik 

Ich werde meinen Vortrag auf das Buch ´Tiefenpsychologie und neue Ethik´ von Erich Neumann aufbauen. Erich Neumann war einer der bedeutendsten Vertreter und Erneuerer der Analytischen Psychologie C.G. Jungs.

C.G. Jung schrieb im Vorwort zu Erich Neumanns Hauptwerk ´Ursprungsgeschichte des Bewusstseins´, dass ihm „sein Werk wie selten eines in hohem Masse willkommen ist, setzt es doch gerade an der Stelle ein, wo ich, wenn mir ein zweites Leben beschert wäre, auch angefangen hätte. Damit gelangt er zu Schlüssen und Einsichten, welche zum Bedeutendsten gehören, was je auf diesem Gebiete geleistet wurde“ (Neumann 1984a, S. 5). 

Erich Neumanns Buch ´Tiefenpsychologie und Neue Ethik´ ist schon während des zweiten Weltkriegs entstanden. Es gibt uns eine grundlegende Wegweisung, wo es um die Annahme des eigenen Schattens, des eigenen Bösen geht, und um eine innere Friedensarbeit durch die Wandlung der eigenen Persönlichkeit. 

Die vier Kapitel des Buches lauten: ´Die alte Ethik´, ´Stufen ethischer Entwicklung´, ´Die neue Ethik´ und ´Ziele und Werte der neuen Ethik´. In dieser Reihenfolge werde ich auf die Themen im Folgenden eingehen. 

In seiner Einleitung über den Wertezerfall in der Moderne und das Problem des Bösen sieht Erich Neumann die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts als Folge der Unfähigkeit, mit der psychischen Natur des Menschen in rechter Weise umzugehen. Es kam zu einem kollektiven Ausbruch des Bösen, der durch die alte jüdisch-christliche Ethik nicht zu bewältigen war. Dies führte zu einem weiteren Wertezerfall, aber auch zur Frage nach Ansätzen einer neuen Ethik. 

Die Grundelemente einer neuen Ethik lassen sich, so Neumann, am besten von der tiefenpsychologischen Entwicklung des Einzelnen ableiten. In dieser Entwicklung manifestiert sich auch das Böse. Das Individuum, das durch das Böse dem Untergang nahe kommt, ist gezwungen, neue Wege, neue Lebensformen, neue Werte und Leitsymbole zu finden. Darin zeigt sich eine individuelle Spiegelung der Kollektivsituation. Der Einzelne ist dabei Organ des Kollektivs. Im kollektiven Unbewussten jedes einzelnen Menschen ist das Kollektiv anwesend, ja darin ist seine Zukunft schon angelegt. Sensible Menschen erspüren früher als andere diese ethischen Konflikte und Fragen. Sie sind ihnen früher und stärker ausgesetzt und können somit die Zukunftsprobleme der Menschheit schon im Voraus bearbeiten.

Die alte Ethik

Um die Bedeutung der neuen Ethik verstehen zu können, müssen wir zuerst die Mechanismen der alten Ethik durchschauen. 

Die alte Ethik ist von Idealbildern, Vollkommenheitsstufen, Gesetzen und Geboten bestimmt. Ihre Vorbilder sind das Heilige, das Edle und das Gute. Wir können diese jedoch nur verwirklichen, wenn wir das Negative verneinen. Die Methoden der Durchsetzung der alten Ethik sind die Unterdrückung und die Verdrängung. 

Die Unterdrückung ist eine bewusste Ausschaltung jener Persönlichkeitsanteile, die den geltenden ethischen Werten widersprechen. Dabei bleiben diese Anteile, auch wenn sie oft mit Leid und Opfer verbunden sind, noch ans Bewusstsein angeschlossen. Im Unterschied dazu, umfasst die Verdrängung komplett ausgeschlossene Inhalte, die die Beziehung zum Bewusstsein verloren haben. Sie führen im Unbewussten ein Eigenleben und wirken sich sowohl für das Individuum, als auch für das Kollektiv verhängnisvoll aus, da sie das Bewusstsein subversiv unterwandern und zerstören. 

Die Durchsetzung der alten Ethik beim Einzelnen geschieht durch die Instanz des ´Gewissens´, das im Gegensatz steht zur ´inneren Stimme´, die einen individuellen Ausdruck des Seelischen darstellt.

Schon Sigmund Freud hat das Gewissen in dessen Ursprung als ´soziale Angst´ beschrieben (in: ´Zeitgemäßes über Krieg und Tod´). 

Ein ´gutes Gewissen´ haben heißt somit, in Übereinstimmung sein mit dem Wertekanon der Gemeinschaft, der das ´Kultur-Über-Ich´ bestimmt. Ein ´schlechtes Gewissen´ dagegen entspricht der Nicht-Übereinstimmung mit dem Kollektiv. Das Gewissen ist somit der Repräsentant der Kollektivnorm. 

Da Kollektivwerte aber absolut sind und nicht auf ein Individuum bezogen, ist es unmöglich, mit ihnen ganz in Übereinstimmung zu kommen. Der Versuch, sich trotzdem anzupassen, führt zur Bildung der beiden psychischen Systeme, die die Analytische Psychologie C.G. Jungs Persona und Schatten nennt. 

Die Persona (im griechischen Theater die Maske, durch die hindurch der Schauspieler seine Stimme tönen lässt = lat. ´per-sonare´) ist die Anpassungsmaske des Einzelnen gegenüber dem Kollektiv. In dieser, durch das Gewissen bewirkten  Scheinpersönlichkeit kommt der Wunsch nach Übereinstimmung mit den Kollektivwerten zum Ausdruck. 

Die Einseitigkeit der Persona bringt im Unbewussten kompensatorisch den Schatten hervor, den sie hinter ihrer Maske verstecken will. Der Schatten ist der Gegenspieler der Persona. Er umfasst die dunklen, primitiven, negativen, unvollkommenen, vergänglich-bedingten und daher ungeliebten Seiten unserer Persönlichkeit. Die Verdrängung des Schattens führt zwar zu einem scheinbar ´guten Gewissen´, jedoch gleichzeitig zur Ich-Inflation, zur Hybris, zur Aufblähung des Ichs mit überpersönlichen Werten, die das Ich gefährden, weil es ihrer überlegenen Kraft meist nicht gewachsen ist.

Die alte Ethik ist dualistisch. Sie spaltet die äußere wie die innere Wirklichkeit, und damit Mensch, Welt und Gott, in duale Gegensätze auf: In Licht und Finsternis, in rein und unrein, in gut und böse, ja letztlich in Gott und Teufel. Das Ich, das sich mit der Lichtseite zu identifizieren hat, wird dadurch in den Kampf für das Nur-Gute, Nur-Reine, Nur-Lichte getrieben. Doch dieser Kampf ist aussichtslos, denn das scheinbar besiegte Böse steht immer wieder von neuem auf. 

Das Dunkel kann nicht durch das Licht besiegt werden und das Licht auch niemals durch das Dunkel, denn beide sind nur die zwei Seiten der letztlich einen Wirklichkeit. 

Die Verdrängung der Dunkelseite ist umso radikaler, je dogmatischer die Ethik der Gruppe ist, und je stärker das Gewissen des Einzelnen. Die Stärke des Gewissens zeigt sich in einem oft unbewussten Schuldgefühl. Dieses wird vom Schatten ausgelöst. Aber statt den Schatten anzunehmen, projizieren wir ihn nach außen. Wir suchen einen Sündenbock, der nun zum stellvertretenden Opfer wird, auf das wir die Kollektivschuld übertragen. Das Opfer sind vorzugsweise die Fremden und die Minderheiten. In Minderheitenproblemen kommt die Spaltung der Kollektivpsyche zum Ausdruck. 

In der Schattenprojektion wird der eigene innere Feind und Gegner hinausgeworfen, ganz im Gegensatz zur Forderung der Bergpredigt: ´Liebet eure Feinde´ - gemeint sind hier natürlich auch die inneren Feinde und die eigenen inneren Schattenanteile. Der kollektive Sündenbock-Mechanismus besteht so lange, wie das unbewusste Schuldgefühl vorhanden ist. 

Indem zum Beispiel George W. Bush vor den Kriegen gegen Afganistan und den Irak von der ´Achse des Bösen´ und deren Bekämpfung sprach, statt den eigenen Schatten und die eigene Schuld einzugestehen, blieb er Gefangener der alten Ethik und der Sündenbock-Psychologie. Die Chance der Menschheit, zu einem neuen ethischen Niveau zu gelangen, wurde damit wieder einmal zunichte gemacht. Stattdessen führt eine solche innere Spaltung zu einem unbewussten Minderwertigkeitsgefühl, das oft überkompensiert wird durch vermehrte Selbstbestätigung und verstärkte Verdrängung. Im Falle der USA zeigt sich diese Überkompensation nicht zuletzt darin, dass ihr Militärbudget inzwischen 40 % der weltweiten Rüstungsausgaben ausmacht. Die eigene verdrängte Aggressionstendenz äußert sich in der übertriebenen Angst vor  Verfolgung durch die Anderen; in den USA in einer fast paranoiden Terrorangst seit dem 11. September 2001.

Stufen ethischer Entwicklung

Um die Krise und die Problematik der alten Ethik noch besser verstehen zu können, müssen wir den Zusammenhang zwischen der ethischen Entwicklung und der Bewusstseinsentwicklung begreifen. Eine ausführliche Darstellung der archetypischen und mythologischen Stadien der Bewusstseinsentwicklung findet sich in Erich Neumanns Buch ´Ursprungsgeschichte des Bewusstseins´, das auch Ken Wilber als Grundlage für sein Buch ´Halbzeit der Evolution´ herangezogen hat (Wilber 1987, S. 41). 

Die Bewusstseinsentwicklung beginnt mit dem Stadium der Ursprungseinheit, in dem das keimhafte Ich noch unselbständig ist, abhängig von der Gruppe, von der Welt und vom kollektiven Unbewussten. Dem entspricht das Symbol des Uroboros, der zu einem Kreis geschlossenen Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, sowie der Zustand der sogenannten ´participation mystique´ (Levy-Brühl), der unbewussten Identitätserfahrung. 

Die Gruppe ist dabei mit den Individuen identisch, und jedes Individuum repräsentiert in sich die ganze Gruppe. Daraus erklärt sich zum Beispiel das Phänomen der Blutrache, aber auch das Übergehen von Lohn und Strafe auf nachkommende Generationen. 

In der weiteren ethischen Entwicklung kommt es zum Auftauchen des ´großen Einzelnen´, der zur sogenannten ´Mana-Persönlichkeit´, zum ´Selbst´, zur zentralen leitenden Gestalt, zum Anführer der Gruppe wird. Dieser gibt dem Kollektiv seine Werte vor, die dann zur Grundlage der Kollektivethik werden. 

Die Kollektivethik bewirkt eine Fixierung auf das Bewusstsein und eine Abgrenzung gegenüber dem Unbewussten. Dabei entsteht jedoch auch die Gefahr der Spaltung in eine ethische Elite, die der ethischen Forderung gerecht werden kann, und ein überfordertes Kollektiv. Dieses versucht zuerst durch die ethische Scheinlösung der Persona, der Anpassungsmaske, das ethische Niveau zu erfüllen, regrediert dann aber zur Masse, die sich weder dem Einzelnen, noch der Gruppe gegenüber verantwortlich fühlt. 

Die Weiterentwicklung der alten Kollektivethik geht über die fortschreitende Individualisierung bis hin zur Individuations-Ethik, der neuen Ethik. Dem entspricht in der ´Ursprungsgeschichte des Bewusstseins´ von Erich Neumann der Übergang vom Stadium des ´Heldenmythos´, das die Sündenbock-Psychologie enthält, in das des ´Wandlungsmythos´,  das die Feindesliebe integriert. 

 

Die neue Ethik

Erich Neumann geht von der Tiefenpsychologie aus und leitet die neue Ethik vom Individuationsprozess des Einzelnen ab. Dabei kommt es zu einer notwendigen Erschütterung des Ich-Bewusstseins und dessen Werte durch die Konfrontation mit der Ganzheit der Persönlichkeit und mit dem Unbewussten. Die moralische Umorientierung vollzieht sich durch die Integration des Schattens und durch die Verarbeitung der Persona. 

Dem Untergang des alten, idealisierten Ich-Bildes im einzelnen Menschen entspricht die kollektive Situation, die durch den Einbruch der Dunkelseite in das abendländische Bewusstsein im Laufe der letzten 200 Jahre auf vielen Gebieten zum Ausdruck gekommen ist. Begriffe wie Säkularisierung, Materialismus und Relativismus zeigen diese Schwerpunktverschiebung nach unten. 

Die Erschütterung der kollektiven Wertewelt führt zu drei Fluchtaktionen: 

1) Die Deflation ins Nur-Materielle mit ihrer negativ-nihilistischen Seite. 

2) Die Inflation ins Nur-Geistige mit ihrer individualistischen Ich-Überbewertung und 3) Die Bemühung, neutral und wertfrei zu bleiben in einer Art ´Vogel-Strauß-Politik´ dem Bösen gegenüber. Alle drei Reaktionen verleugnen das Gegensatzprinzip, das dem moralischen Problem zugrunde liegt und verabsolutieren einen der beiden Pole. 

In der neuen, ganzheitlichen Ethik wird, statt eines Teiles, die gesamte Persönlichkeit als Grundlage des ethischen Verhaltens miteinbezogen. Dabei wird die Auswirkung der individuellen Bewusstseinshaltung sowohl auf das Kollektiv außen, als auch auf das Unbewusste innen mit berücksichtigt. Denn das Kollektiv außen spiegelt sich im kollektiven Unbewussten innen. Mein persönlicher Schatten ist die individuelle Form der dunklen Seite der Menschheit. Indem ich ihn annehme, nehme ich auch diesen ganzen Teil der Menschheit an. Dieser Prozess lässt mich unsere menschheitliche Zusammengehörigkeit erkennen und zu meiner kollektiven Mitverantwortung gelangen. Damit enden die Schattenprojektion, der Sündenbock-Mechanismus und der ethisch getarnte Ausrottungskampf gegen das Böse. Stattdessen kommen wir durch das Annehmen des eigenen Bösen zu einer viel stabileren ethischen Haltung, sowohl individuell, als auch kollektiv. 

Ziele und Werte der neuen Ethik 

Die Hauptaufgabe der neuen Ethik besteht in der Integration gegensätzlicher Persönlichkeitsanteile in eine einheitliche menschliche Struktur. Dem zugrunde liegt die sogenannte Zentroversion, das heißt die Ganzheitstendenz der Psyche, in der sich ihre Selbstheilungskraft offenbart. 

Wie in einem psychischen Völkerbund wollen auch in uns oppositionelle Gruppen miteinander leben: Primitive und differenzierte, vormenschliche und moderne, atheistische und religiöse, triebhafte und geistige, destruktive und konstruktive Elemente. 

Die Ganzheit der Persönlichkeit bildet auch die beste Grundlage für schöpferische Prozesse. Sie stellt die Voraussetzung dar, um das, der einzelnen Person zustehende und entsprechende Böse in freier Verantwortung zu leben. 

Schon der Weg des Erwachsen und Selbständig Werdens verlangt von uns, Böses zu tun und es verarbeiten zu können. 

Entsprechend dazu sind die mythologischen Stadien der ´Ursprungsgeschichte des Bewusstseins´ mit den Themen der ´Weltelterntrennung´ und der symbolischen ´Mutter- und Vatertötung´. 

Dazu passt auch das Wort Jesu: „Denkt nicht, ich sei gekommen,  um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt. 10,34). Es wendet sich gegen einen entwicklungsverhindernden Frieden. 

Ich darf an dieser Stelle aus meinem Beitrag ´Vom faulen zum wahren Frieden´ aus meinem Buch ´Wandlung zum inneren Himmel´ (Walch, 2007) zitieren: 

Dieses Wort Jesu ist „eine klare Absage an einen Frieden, der der Konflikthaftigkeit unseres menschlichen Daseins aus dem Wege gehen möchte. Es will uns wach rütteln aus unseren Absicherungen gegen jegliche Veränderung, aus unserer lebensverachtenden Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit, aus unserer Scheuklappen-Einstellung, die nur ´ihren Frieden haben und in Ruhe gelassen werden´ will. Wie sehr neigen wir dazu, jede Störung unseres ´lieben´ Friedens möglichst schnell aus der Welt schaffen zu wollen. Wie wenig ist uns bewusst, dass wir dadurch nur weg drängen, aber nicht wirklich lösen, aussöhnen, befrieden. Solange wir uns nur nach einem Frieden sehnen, der als Gegenpol zum Krieg, zum Konflikt, zur Auseinandersetzung steht, solange sehnen wir uns nach etwas Unmöglichem, da alle Gegensätze einander bedingen und sich daher abwechseln müssen, wenn das Leben nicht zum Stillstand kommen soll. Oder kommt darin vielleicht sogar eine verdeckte Todessehnsucht zum Ausdruck, die insgeheim diejenigen beneidet, die schon ´in Frieden ruhen´?“ 

Erich Neumann gibt uns für den Umgang mit dem Bösen auf der Basis der neuen Ethik folgende Orientierung: „Die Anerkennung des eigenen Bösen ist gut. Zu gut sein, das heißt, die Grenzen des an Gutem wirklich Vorhandenen und Möglichen überspringen zu wollen, ist böse. Das Böse, das jemand mit Bewusstsein, das heißt, immer auch im Wissen um die Verantwortung, tut, und dem er sich nicht entzieht, ist gut. Die Verdrängung des Bösen, die immer von einer inflationistischen Selbstüberwertung begleitet ist, ist böse, auch wenn sie von einer ´guten Gesinnung´ oder einem ´guten Willen´ ausgeht“ (Neumann 1984b, S. 113 f). 

Im Gegensatz zum bewussten Tun des Bösen steht die ´Sublimierung´ im Freudschen Sinne, bei der wir die negative Wirkung der alten Ethik erleben, die durch die Verdrängung der nicht sublimierbaren unbewussten Inhalte entsteht. Erich Neumann erinnert nur an die sublimierenden ´Heiligen´, die mit Sexualphantasien ringen, die anscheinend der Teufel als Versuchung schickt, und deren Schattenprojektion bis zu den Kreuzzügen und bis zur Inquisition geführt hat.

Die Unmöglichkeit, die absolute Forderung der alten Ethik zu erfüllen, hatte die Lehre der Erbsünde zur Folge, die das Leben, die Erde und den Menschen als Träger des Bösen und als ´gefallen´ erklärte. Dies führte zur Flucht von der ´unteren´ Seite der Welt hin zum Himmel als Symbol des Nur-Guten. Dem entspricht eine Fehlinterpretation des Mythos vom ´Sündenfall´, als einem Sturz vom guten Himmel auf die böse, gefallene Erde. In Wirklichkeit handelt es sich um einen wertfreien Übergang von der Erfahrung der Einheit von Himmel und Erde in die der Zweiheit. Erich Neumann hat diese unheilvolle Entwicklung in seinem Eranos-Vortrag ´Die Bedeutung des Erdarchetyps für die Neuzeit´ (Neumann 1954 und 1992) ausführlich dargestellt. 

Die neue Ethik besteht dagegen im Annehmen des Negativen, was dem Menschen die Bejahung seiner selbst, sowie der Erde und des Lebens in dieser Welt ermöglicht. Dieser Weg steht unter dem Symbol des Abstiegs, gemäß den Mythen der ´Nachtmeer- und Unterweltfahrt´. 

Mir kommt dazu in den Sinn, was Karlfried Graf Dürckheim über seine Begegnung mit einem orthodoxen Eremiten erzählte, der eine wunderbare Ikone gemalt hat, von Christus, der in die Hölle hinabgestiegen ist und dort Adam umarmt. Auf die Frage, was diese Ikone für ihn bedeute, antwortete der Mönch: „Wenn der Mensch sich selbst in seiner inneren Hölle wahrnimmt, d.h. den Teufel in sich, das Böse, das Dunkle, das Gemeinste, wenn er es, statt es von sich zu stoßen, annimmt und mit Liebe umarmt, dann kann das Göttliche hindurch brechen. Und das bedeutet für mich Auferstehung.“ (Dürckheim 1992, S. 90) 

Im Vortrag ´Die Bedeutung des Erdarchetyps für die Neuzeit´ sagt Erich Neumann: „Dabei wird eine seltsame Umwertung allmählich immer deutlicher, nach der nicht die Besiegung des Bösen, sondern seine Erlösung, nicht der patriarchale Sieg, sondern ein Wandlung des Unteren das eigentliche Ziel zu sein scheint.“ (Neumann 1992, S. 33) 

Diese Erlösung und Wandlung des Bösen gehen nun nicht mehr vom Ich aus, sondern vom Selbst, das in sich alle Gegensätze enthält. 

Als Körper-Selbst ist auch die Ganzheit der Leibes in diesen Prozess mit einbezogen. Karlfried Graf Dürckheim spricht von einem Übergang vom gegenständlichen Ich-Bewusstsein des Körpers, den ich habe, zum ´inständlichen Spürbewusstsein´ des Leibes, der ich bin. 

Indem nun das Selbst mit seiner inneren Stimme an die Stelle des Über-Ichs und des Gewissens tritt, kommt der Mensch zu seiner ethischen Autonomie und Selbst-Bestimmung. Gleichzeitig wird die kollektive Bedeutung der neuen Individuations-Ethik in der gefestigten seelischen Struktur dieses Menschen sichtbar. Er lässt sich weder vom kollektiven Unbewussten im Innern, noch von Massenphänomenen im Außen hinreißen. Er hat nämlich schon die Höhen, die Tiefen und die Untiefen des Menschlichen in der eigenen Seele erfahren. 

Der Sufi-Mystiker Hazrat Inayat Khan sagt dazu: „Ich habe gut und böse gekannt, Sünde und Tugend, Recht und Unrecht; ich habe gerichtet und bin gerichtet worden; ich bin durch Geburt und Tod gegangen, Freude und Leid, Himmel und Hölle; und am Ende erkannte ich, dass ich in allem bin und alles in mir ist.“ (Khan 1979, S. 123).

Da der Schatten des Einzelnen immer auch mit dem Kollektiv-Schatten der Gruppe in Verbindung steht, wird mit der Schatten-Integration des Einzelnen immer auch ein Stück des kollektiven Bösen mit erlöst. Damit sind wir im Gegensatz zur Sündenbock-Psychologie zu den Phänomenen des stellvertretenden Leidens und der Erlösung gekommen und somit tief in den religiösen Bereich eingetreten, der unmittelbar mit der Ethik verbunden ist. 

Wie der Mensch im Annehmen des Dunkels menschlicher wird, so begegnet ihm nun auch das Göttliche in menschlicher Gestalt, das heißt nicht absolut und abstrakt, sondern in der menschlichen Dimension der ´inneren Stimme´. Mit dem neuen Menschenbild taucht nun ein neues, gewandeltes Gottesbild auf. 

Es stellt sich hier die Frage nach dem Bösen an sich, das heißt auch nach dem Bösen in Gott. Wir kommen hier zur ursprünglichen Sicht des Judentums, in der Gott Licht und Dunkel, Gut und Böse geschaffen hat und in dem Gott und Satan miteinander verbundene Aspekte der transzendenten Wirklichkeit  sind. 

In der jüdischen Mystik heißt es: „Das Gute und das Böse sind wie die rechte und die linke Hand Gottes.“ 

Mit der Einsicht in die Gegensätzlichkeit des Menschen, der Welt und der Transzendenz kommt es nun zur Ablöse der alten Ethik und ihrem Vollkommenheitsprinzip. An ihre Stelle tritt nun die neue Ethik, die sich im Annehmen der Unvollkommenheit an der Ganzheit und Vollständigkeit orientiert. 

Ich darf mit der visionären Zukunftsperspektive von Erich Neumann abschließen, die wir am Ende seines Buches ´Tiefenpsychologie und neue Ethik´ finden: 

„Die wachsende Einsicht in die allgemeine menschliche Begrenztheit muss und wird in den nächsten Jahrhunderten zu einem steigenden Solidaritätsgefühl führen und zur Erkenntnis der bei aller Verschiedenheit einheitlichen menschliche Struktur. 

Die Verwurzelung aller Religion und Philosophie in dem kollektiven Unbewussten der Menschheit beginnt sichtbar zu werden. Es wird deutlich, dass (...) die Spezies Mensch in ihrer geistigen Struktur eine unteilbare Einheit darstellt. 

Die Menschheit nimmt langsam aber fortschreitend die seelischen Projektionen zurück, mit denen sie in Hierarchien von Göttern und Geistern, Himmeln und Höllen die Leere der Welt ausgestattet hatte, und erfährt staunend die schöpferische Fülle des eigenen seelischen Urgrundes. 

Aus der Mitte dieses menschheitlichen Kreises aber, der sich aus dem Zusammenschluss aller Menschheitsteile und Völker (…), Erdteile und Kulturen zu bilden beginnt, tritt die selbe schöpferische Gottheit ungestaltet und vielgestaltig nach innen, die vorher außen die Himmel und Sphären der menschlichen Welt erfüllte.“ (Neumann 1984b, S. 137 f). 

Zur Ergänzung und Weiterführung kann ich Ihnen noch folgende Literaturhinweise geben: Das Buch ´Tiefenpsychologie und neue Ethik´ von Erich Neumann ist zurzeit vergriffen. Es kann jedoch im Internet-Verlag des C.G. Jung Instituts Stuttgart unter www.opus-magnum.de/neumann kostenlos gelesen und herunter geladen werden. 

Drei Erich-Neumann-Vorträge von mir finden Sie im selben Verlag unter www.opus-magnum.de/walch

Sieben Erich-Neumann-Beiträge von mir, auch der von heute, werden bis im Herbst 2008 als Buch erscheinen. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an mich oder an die Friedensräume. 

Mein Buch ´Wandlung zum inneren Frieden – Gedichte, Texte, Fotografien´ ist über mich, sowie über die Friedensräume und im Buchhandel erhältlich. 

Referent: Gerhard M. Walch, Dipl. Leib-, Atem-, Stimm- und Psychotherapeut, ausgebildet in Initiatischer Therapie von Karlfried Graf Dürckheim und Hildegund Graubner, Fortbildung in Integrativer Tanz- und Bewegungstherapie von Ursel Burek, Dozent am C. G. Jung – Institut – Stuttgart, Mitarbeiter der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie, Autor und Herausgeber in den Bereichen Analytische Psychologie und Spiritualität, neues Buch: „Wandlung zum inneren Himmel - Gedichte, Texte, Fotografien“, internationale Vortrags- und Seminartätigkeit, freie therapeutische Praxis in Lochau am Bodensee, E-mail: gerhard.walch@telering.at, Homepages: members.telering.at/zen und www.opus-magnum.de/walch

Literaturhinweise im Vortrag: 

Neumann, Erich: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, 1984a, Frankfurt am Main; sowie 2004 neu im Walter-Verlag, Düsseldorf. 

Neumann, Erich: Tiefenpsychologie und neue Ethik, 1984b, Frankfurt am Main, sowie im Internet unter www.opus-magnum.de/neumann 

Walch, Gerhard M.: Wandlung zum inneren Himmel – Gedichte, Texte, Fotografien;  2007, Hohenems, Bucher Verlag. 

Neumann, Erich: Die Bedeutung des Erdarchetyps für die Neuzeit. Eranos-JahrbuchXXII/1953,  Rhein-Verlag, Zürich, 1954. Auch in: Die Psyche als Ort der Gestaltung. Drei Eranos-Vorträge. Herausgegeben und eingeleitet von Gerhard M. Walch, 1992, Frankfurt am Main. 

Wilber, Ken: Halbzeit der Evolution, 3. Auflage 1987, Bern, München, Wien. 

Dürckheim, Karlfried Graf: Der Weg, die Wahrheit, das Leben, 2. Aufl. 1982, Bern und München. 

Khan, Hazrat Inayat: Vom Glück der Harmonie, 1979, Freiburg im Breisgau.

Copyright: G.M. Walch, Hörbranzer Str. 8, A-6911 Lochau am Bodensee; e-mail: zentelering.at