Startseite ::
< Brief der pax christi Bistumsstelle Augsburg zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan
25.09.08 12:25 Alter: 9 yrs
Kategorie: Texte, Spirituelles

Texte und Gebete für Friedensgottesdienste zum Gedenken an die Reichspogromnacht

Textvorschläge für Gottesdienste/Andachten/Gedenkveranstaltungen zum 9. November 2008


Was sind 70 Jahre vor dir, o Herr?


Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freundinnen und Freunde von Pax Christi,

 

am 9. November jährt sich in diesem Jahr zum 70. Mal der Jahrestag der Reichspogromnacht 1938. Das Leitungsteam von Pax Christi in den Bistümern Osnabrück und Hamburg bittet Sie, in Ihrer Gemeinde am 9. November, der in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt, diesem Ereignis im Gottesdienst, aber auch in Andachten oder in eigenen Gedenkveranstaltungen einiges Gewicht zu geben.

Wir erleben auffällig Kräfte, die Hass und Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus schüren. Fast täglich lesen wir von ihnen, von Beispielen, wie Menschen aufgrund ihrer Nationalität, ihrer Hautfarbe, ihrer Einstellung, angegriffen werden. Ein Beispiel: „Du Jude“ ist heute auf vielen Schulhöfen, unter Gleichaltrigen ein gängiges Schimpfwort.

Genauso bedenklich ist, dass auch in breiten Kreisen der Ruf nach "dem Schlussstrich" vernehmbar wird, dass aus Angst vor Bedrohung Absicherungsdenken zunimmt, dass Solidarität, wenn es um ausgleichende Gerechtigkeit geht, immer weniger eine Rolle spielt. Darum halten wir für die Gegenwart die Erinnerung an unsere eigene Vergangenheit für wichtig, um sensibel zu bleiben für alles, was damals und heute den Frieden behindert hat und hindert.

Dies alles (und vieles mehr) macht klare Signale - auch in unseren Gottesdiensten - notwendig. Am 9. November 2008 besteht besondere Gelegenheit dazu.

Die angefügte Auswahl von Texten für einen Gottesdienst sind Ihnen vielleicht Hilfe, das Anliegen zur Sprache zu bringen und "ins Gebet zu nehmen".

Mit freundlichen Grüßen

 

für das Pax Christi Leitungsteam in den Bistümern Osnabrück und Hamburg

Osnabrück, im September 2008

 

Annette Kreilos Clemens Schrader

Mitglied des Leitungsteams Sekretär der Regionalstelle

Sollten Sie mehr Informationen zu Pax Christi wünschen, wenden Sie sich bitte an unser Regionalbüro:

Clemens Schrader, Lohstraße 16 - 18, 49074 Osnabrück, Telefon: 0541/21775,

E-Mail: os-hh@paxchristi.de oder unter: >www.os-hh.paxchristi.de<

Einleitung I

(Wir empfehlen, den Text von zwei SprecherInnen vortragen zu lassen. Durch den Fettdruck einiger

Textpassage machen wir einen Vorschlag für die Verteilung der Sprechrollen.)

 

Am Anfang waren nur Worte

Ach, das sind doch bloß Worte. Was können die schon anrichten?

Als die Scheiben der jüdischen Geschäfte zerbrachen, waren sich viele noch sicher:

Alles nur Parolen.

Nur ein paar wild gewordene Horden.

Ein böser Spuk, der bald vorbei sein wird.

Schließlich sind wir ein zivilisiertes Land mitten in Europa.

Noch nie hatten Menschen sich so gewaltig geirrt.

Noch nie!

Am Anfang waren nur Worte,

die Lawine kam ins Rollen.

Eine Lawine, die alles unter sich begraben sollte, was bisher galt.

Mitten in Europa.

Wir gedenken der Millionen ermordeter Juden:

Kinder, Mütter, Väter, Großmütter, Großväter.

Nachbarn, Kollegen, Fremde.

Sarah, Isaak, Abraham, Lea.

Frieda, Helga, Georg, Herrmann.

Jahrelang immer nur die Angst im Gepäck.

Jahrelang immer nur auf der Flucht.

Verflucht und gejagt.

Denunziert und entwürdigt.

Zusammengetrieben wie Vieh

in den Bahnhöfen des Verderbens.

Deportiert auf den Gleisen der sogenannten Endlösung.

In den Fabriken des Todes.

Vergast, erhängt, zu Tode geschunden.

Millionen Menschen

Kinder, Mütter, Väter, Großmütter, Großväter.

Nachbarn, Kollegen, Fremde.

Sarah, Isaak, Abraham, Lea.

Frieda, Helga, Georg, Herrmann.

Weil sie Juden waren.

Wir gedenken der Millionen Ermordeten,

in Polen, Ungarn, in Rumänien und der Ukraine, in Paris und Amsterdam,

im Emsland und hier in Osnabrück. (Bitte entsprechende Ortsnamen ersetzen.)

Wir gedenken derer, deren Namen und Leben keiner mehr nennt,

deren Geschichte in den Öfen von Auschwitz und Buchenwald ausgelöscht wurden.

Wir gedenken der Millionen, die nicht mehr leben dürfen, weil sie Juden waren.

Wir gedenken der Opfer der Shoah.

Kinder, Mütter, Väter, Großmütter, Großväter.

Nachbarn, Kollegen, Fremde.

Sarah, Isaak, Abraham, Lea.

Frieda, Helga, Georg, Herrmann.

Weil sie Juden waren.

 

Einleitung II

Ein Text von Gisela Wiese, geb. 1924, Mitglied im Leitungsteam von Pax Christi Osnabrück/ Hamburg und langjährige Vizepräsidentin von Pax Christi Deutschland, ursprünglich zum 40. Jahrestag des Ende des 2. Weltkrieges 1985 geschrieben:

Was sind 70 Jahre vor Dir, o Herr?

Uns aber hast Du diese Zeit gegeben, um Dein Reich zu bauen,

Dein Reich der Menschenfreundlichkeit und Güte,

das verraten wurde durch das Reich der Gewalt.

In unserem Lande breitete es sich aus, weil Deine Menschenliebe fremd wurde.

Angst vor dem Nächsten, Hass auf den Fremden, das war die Saat der Gewalt.

Aus unserem Lande zogen die Menschen aus zu morden, zu plündern,

das Antlitz Deiner Erde zu zerstören.

Verwüstete Städte - verbrannte Erde - Millionen Tote, das waren die Früchte der Gewalt.

Dann kam das Ende der Gewalt. Befreit von ihr, wartete der Friede auf uns.

Wer aber wusste noch, wie er zu leben war?

Unserer tapferen Freunde gedenkend, die der Gewalt Widerstand leisteten,

der Trauer Raum gebend und unsere Schuld laut bekennend,

hätten wir Deiner Vergebung bedurft.

Sie hätte uns gelehrt, die Trauernden zu trösten,

die Opfer zu schützen, die Täter zur Umkehr zu führen,

die Güter gerecht zu verteilen.

Als Frucht der Gerechtigkeit wäre uns Dein Friede erfahrbar geworden.

Wir aber leben in den Spuren der Gewalt und verraten wieder die Liebe zum Nächsten.

Wieder blähen sich auf Fremdenhass und Ausgrenzung Andersdenkender.

Aus unserem Lande liefern wir Waffen für die Vernichtung anderer Völker.

In unserem Lande vernebeln wir Herzen und Hirne mit Verteidigungsparolen.

Was sind 70 Jahre vor Dir, o Herr?

Du gedenkst der Schreie der Gefolterten von einst und jetzt.

Dein Leiden währt Tag und Nacht mit ihnen.

Du befreist aber auch Menschen zu einem solidarischen Leben.

Hilf, dass wir zu denen gehören,

die endlich umkehren, das Reich der Gewalt verlassen,

um ihr Leben in Deinem Reich zu finden.

Das Reich der Menschenliebe, in dem die Güter gerecht verteilt werden

und Gerechtigkeit den Frieden sichert.

Kyrie

Wir erkennen heute,

dass viele Jahrhunderte der Blindheit

unsere Augen verhüllt haben,

so dass wir die Schönheit Deines auserwählten Volkes

nicht mehr sehen und in seinem Gesicht

nicht mehr die Züge unseres

erstgeborenen Bruders wiedererkennen.

Wir erkennen, dass ein Kainsmal auf unserer Stirn steht.

Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel

in dem Blute gelegen, das wir vergossen,

und er hat Tränen geweint, die wir verursacht haben,

weil wir deine Liebe vergaßen.

Vergib uns den Fluch,

den wir zu Unrecht an den Namen Juden hefteten.

Vergib uns,

dass wir Dich in Deinem Fleische zum zweiten Mal ans Kreuz schlugen.

Denn wir wussten nicht, was wir taten.

Papst Johannes XXIII., Rom 1963

 

Vorschläge für Fürbitten:

1.

Viel Unfriede ist in der Welt; es fehlt an der Bereitschaft, eigene Schuld zu erkennen und zu bekennen, einander aufrichtig zu vergeben und neu miteinander zu beginnen. Im Gedenken an unsere eigene unheilvolle Geschichte wenden wir uns vertrauensvoll in unserem Unvermögen an dich, gütiger Gott, und rufen zu dir:

Gott des Friedens, im Lichte deines Wortes erkennen wir, wie wenig barmherzig, friedfertig und geduldig wir oft miteinander umgehen.

Lass es geschehen, dass wir uns niemandem gegenüber verhärten, dass wir niemals Böses mit Bösem vergelten, sondern dass wir Frieden stiften und Liebe leben.

Gott des Friedens, du willst, dass deine Kirche ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung unter den Menschen, Gruppen und Völkern ist. Zu oft sind wir das Gegenteil in unserer Welt.

Lass es geschehen, dass deine Kirche erfasst wird von deinem Friedensgeist, alles Trennende überwindet und so ein Zeichen der Hoffnung in unserer zerstrittenen Welt wird.

Du, Gott, bist größer als unser Herz, größer als alle Schuld, du bist der Schöpfer einer neuen Zukunft, die ihren Anfang genommen hat in Christus Jesus, unserem Bruder. Dir sei die Ehre heute und in Ewigkeit.

Amen.

2.

Am Gedenktag der Reichspogromnacht vor 70 Jahren denken wir heute an das Unheil, das von unserem Volk seinen Ausgang genommen hat, und an alle aktuellen Zeichen des Unfriedens in unserer Welt.

Lasset uns beten um das Zusammenleben der Völker:

Gott des Lebens, hilf uns, Nationaldünkel und Rassendiskriminierung in den Herzen und Köpfen der Menschen zu überwinden; lass die Verantwortlichen nach Wegen suchen, Feindbilder und Gegensätze abzubauen; bringe die, die jetzt Krieg gegeneinander führen, zur Einsicht, damit das Leid ungezählter Menschen aufhört und sie in Frieden miteinander ihr Leben gestalten können.

Lasset uns beten um die Übernahme unserer geschichtlichen Verantwortung:

Gott des Lebens, vor 70 Jahren wurden die deutschen Juden endgültig von ihren Nachbarn und Mitbürgern verlassen. Lass nicht zu, dass die Recht bekommen, die einen Schlussstrich ziehen und die Vergangenheit ruhen lassen wollen. Hilf uns wachsam zu sein und mutig, wenn wieder Judenfeindschaft – offen oder versteckt – deutlich wird.

Lasset uns beten um Frieden in unserem eigenen Zusammenleben:

Gott des Lebens, lass uns begreifen, dass wir alle vor dir gleich sind, Brüder und Schwestern; hilf uns, eigene Fehler zu erkennen und zu überwinden; nimm Vorurteile von uns und lehre uns, das Gute im anderen zu suchen, zu sehen, gelten zu lassen.

Du, Herr, willst in unserer Mitte Frieden wirken. Dir sei Dank und Ehre, heute und alle Tage unseres Lebens.

Amen.

Segen I

Gerechter, gütiger Gott,

du hast uns auf die Wege des Erinnerns geführt.

Wir wollen wach werden, möchten nach deinem Willen leben: für den Frieden, für die Gerechtigkeit.

Sieh unser Land, gütiger Gott, und erbarme dich.

Die Not der Kinder, die missbraucht und getötet werden.

Die Alten, die qualvoll leiden und einsam sterben.

Viele Reiche, die die Armen nicht sehen wollen.

Viele Ausländer, die bei uns keine Heimat finden.

Sieh auch die Länder, die von Hunger und Krieg zerstört sind.

Wir bitten dich um deine gütige Liebe. Lass uns lachen können und weinen können.

Deinen Segen erbitten wir für uns und die ganze Welt. Amen (Gisela Wiese, 2006)

Segen II

W’hogen baadenu

Breite über uns das Zelt Deines Friedens aus,

richte uns auf durch Deinen guten Ratschluss,

hilf uns um Deines Namens willen,

schütze uns,

lass von uns weichen Hasser, Seuche, Schwert, Hungersnot und Kummer,

lass jedes Hindernis weichen vor uns und hinter uns,

im Schatten Deiner Fittiche birg uns,

denn Gott, unser Hüter und Erretter bist du,

Gott, ein gnädiger und barmherziges König bist du,

behüte unseren Auszug und unsere Heimkehr zum Leben,

und Frieden von nun an bis in Ewigkeit!

Bereite über uns das Zelt Deines Friedens aus! (aus der Liturgie der Synagoge)