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30.09.08 08:27 Alter: 9 yrs
Kategorie: Erklärungen
Von: Bischof Luigi Bettazzi

Willst Du den Frieden, bereite ihn vor!

Vortrag von Bischof Bettazzi aus Italien vom 29.9.2008, ehemaliger Präsident von pax christi International


Willst Du den Frieden, bereite ihn vor

 

 

“Se vis pacem, para bellum” – Willst du den Frieden, so rüste zum Krieg – so sagten die

alten Römer in einem  bis heute bekannten Sprichwort: Vorher hatte schon der griechische Philosoph Aristoteles behauptet, man müsse Krieg führen um in Frieden leben zu können.

Doch denkende Menschen merkten schnell, daß Krieg bei dem Menschen andere Menschen töten, eigentlich gegen die menschliche Natur geht. Auch Tiere töten, jedoch niemals Tiere derselben Rasse wie sie selbst. Tiere töten Tiere einer anderen Rasse um überleben zu können. Streit gibt es innerhalb einer Rasse um die weiblichen Tiere oder um ein bestimmtes Revier. Doch dabei geht es nur darum, den Unterlegenen aus dem eigenen Revier zu entfernen, nicht darum, ihn

zu töten.

Menschen dagegen sind oft eine dermaßen übertrieben fasziniert von den eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, daß sie sich gegenseitig zum Wettbewerb anstacheln um all diejenigen auszuschalten, die ihre eigene Vorherrschaft behindern könnten. Das beginnt auf der persönlichen Ebene. Wir kennen den Anfang der Bibel. Auf die Erzählung von der Ursünde, vom Streben danach, selbst wie Gott zu werden und über Gut und Böse zu herrschen folgt die Erzählung der Ermordung Abels durch Kain. Kain war neidisch, weil Gott mit Wohlwollen auf Abel schaute. Er sah darin eine Bevorzugung seines Bruders.

Die Geschichte des Altertums enthält viele Beschreibungen von Kämpfen um die Vorherrschaft bis auf den letzten Blutstropfen. Wer siegte, erhielt damals nicht nur die Herrschaft über Gebiete und Reichtümer, sondern auch die Möglichkeit, Feinde zu Sklaven zu machen - also Menschen in den Dienst der eigenen persönlichen wie gemeinschaftlichen Interessen zu stellen.

Der Mensch trägt in sich selbst einen Sinn für Höheres, ja so gar Göttliches und dieses auch anzuerkennen. So wurde im Altertum der Krieg für einige ein Bekenntnis des Glaubens an die eigenen Götter. Siegte er, dachte er, dies sei ein Beweis für die Überlegenheit der eigenen Götter über die Gottheiten der Feinde. Diese Einstellung führte dazu, daß der Krieg, der an sich etwas Inhumanes ist, als etwas Heiliges angesehen wurde. Auch in der Bibel finden sich Anklänge an diese Auffassung. Alle Siege des Volkes Israel werden als Beweis dafür angesehen, daß Jahweh, weil er mächtiger als alle anderei Götter ist, der wahre Gott ist. Davon zeugen z.B. die Psalmen. Oft ist nicht nur die Zerstörung von Tempeln und Götzenbildern, von Bildern der “falschen und lügnerischen” Götter, eine Begleiterscheinung der Siege, sondern auch die Ermordung aller Einwohner der eroberten Städte, auch von Frauen und Kindern. So konnten Kriege als “gerecht” und “heilig” bezeichnet werden.

 

Auch in den Sagen des Homer wachen die Götter über die Kriege und beschützen unter der Aufsicht des höchsten Gottes die Kämpfenden: Im Krieg gegen Troja z.B. standen sich Venus, Schutzgöttin der Trojaner und Minerva, Schutzgöttin der Argonauten gegenüber. Minerva wollte sich an dem Trojaner Paris rächen. Denn dieser hatte behauptet, Venus sei schöner als Minerva. Paris hatte der Helena, die von Venus beschützte Gattin des Königs von Sparta geraubt. Dies löste den Krieg aus, bei dem Juppiter, der höchste und beste Gott, als Schiedsrichter und Wächter über die Gerechtigkeit fungierte.

 

 

 

Als schließlich die Christen zu Herrschern über den Okzident wurden und auf diese Weise die absolute Herrschaft des von ihnen bekannten wahren Gottes aufzeigten, merkten sie auch, daß der Krieg etwas Unmenschliches ist. Damit nicht um alles und jedes Krieg geführt werden konnte, formulierte der heilige Augustinus Kriterien, unter denen ein Krieg überhaupt als “gerecht” bezeichnet werden kann. Es sind folgende: Gerecht ist ein Krieg dann, wenn er vom Kaiser des Heiligen römischen Reiches gebilligt wird, wenn seine Gründe ausreichend gerecht sind und wenn die Verwüstungen, die durch den Krieg geschehen werden und die Güter, die durch diesen Krieg erreicht werden, in einem angemessenen und gerechten Verhältnis zueinander stehen. Das war mit ein Grund dafür, daß Kriege als “Heilig” erklärt werden konnten, in denen es darum ging, christliche Völker voranzubringen oder auch zu verteidigen.

Angesichts der Leichtigkeit mit der man auch Kriege, die aus nichtigen Motiven geführt werden, zu gerechten Kriegen erklären kann (z.B. Kriege um eine Erbfolge), suchte man neue Definitionen. Als gerecht erklärte man Kriege zur Verteidigung eines Landes und hält heute Kriege für gerecht, die aus “humanitären”Gründen geführt werden, etwa um Herrscher oder Völker zu bezwingen, die die Menschenrechte verletzen oder auch “Prävantivkriege”, durch die erreicht werden soll, daß solche Herrscher und Völker nicht Kriege vorbereiten können die zur Aufhebung von Menschenrechten führen..

Doch Papst Johannes der XXIII schlug einen anderen Weg ein. Auf dem Hintergrund der Erfahrung, daß es ihm gelungen war, durch sein Eingreifen in der Kuba-Krise 1962 einen Krieg zwischen den USA und der UDSSR zu verhindern schreibt in der Enzyklika Pacem in Terris (April 1963, Nr. 126): “Mehr und mehr hat sich in unsneren Tagen die Überzeugung unter den Menschen verbreitet, daß die Streitigkeiten, die unter Umständen zwischen den Völkern entstehen, nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizuglegen sind ...freilich gestehen Wir, daß diese Überzeugung meist von der schrecklichen Zerstörungsgewalt der modernen Waffen herrührt....Darum widerstrebt es in unserem Zeitalter ... der Vernunft, den Krieg als das geeignete Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten”. Auf Lateinisch schreibt der Papst “alienum a ratione” – das heißt “außerhalb der Vernunft” – Krieg zu führen ist verrückt.

Auch das Zweite Vatikanische Konzil lehrt die absolute Ächtung des Krieges (GS 82). Weil Amerika damals Krieg gegen Vietnam führte, baten die US-amerikanischen Bischöfe darum, eine explizite Verurteilung des Krieges nicht in die veröffentlichten Texte aufzunehmen. Ich erinnere mich an den Appel des Erzbischofs von New York, Kardinal Spellmann. Dieser sagte, man solle “unseren Jugendlichen, die im Fernen Osten die christliche Zivilisation verteidigen, nicht in den Rücken fallen”. Darüberhinaus ging das Konzil so weit, den “totalen Krieg” zu verurteilen (GS 80), der mit “Wissenschaftlichen Waffen” geführt wird. (Mit den sogenannten ABC Waffen – Atom- biologische und chemische Waffen).In GS 80 steht explizit: “Deshalb macht sich diese Heilige Synode die Verurteilung des totalen Krieges, wie sie schon von den letzten Päpsten ausgesprochen wurde, zu eigen und erklärt: jede Kriegshandlung, die auf die Vernichtung ganzer Städte oder weiter Gebiete und ihrer Bevölkerung unterschiedslos abstellt, ist ein Verbrechen gegen Gott und gegen den Menschen, das fest und entschlossen zu verwerfen ist.”. (GS 80) Dies ist die einzige Verurteilung, die das Zweite Vatikanische Konzil vornahm. Sie ließ sehr aufmerksame Theologen zu dem Schluß kommen, daß ein Katholik nur dann an einem Krieg teilnehmen kann, wenn er sich gleichzeitig dem totalen Krieg widersetzt.

Wenn der Krieg unmenschlich und folglich total unmoralisch ist – so können wir aufgrund der Verurteilung des totalen Krieges auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht mehr sagen: “Willst du den Frieden, so rüste zum Krig”. Wir müssen vielmehr sagen: “Willst du den Frieden, so bereite ihn vor”.

Die Enzyklika Pacem in Terris weist Wege zum Frieden. Sie zählt vier Grundwerte auf die im Frieden enthalten sind Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit sind die - vier Grundpfeiler auf denen der Frieden ruht:.

Fast scheint es als riefe die Wahrheit eher Spannungen und Kriege hervor, als daß sie Frieden stiftet. In nicht wenigen Ländern wird auch heute noch der Wert der Menschen nach ihrer Religionszugehörigkeit eingeschätzt. Dort ist die Tatsache, daß man nicht zur Religion der Mehrheit gehört, die als einzige und “wahre” angesehen wird, bereits ein Grund, Menschen zu verfolgen oder umzubringen, oder wenigstens an den Rand zu drängen. Christen selbst haben zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten genau das getan. Sie haben Juden und Muslime diskriminiert oder ermordet und auch Häretiker, die man als Kritiker oder Zweifler an Glaubenswahrheiten ansah. Auch heute noch kann die ”religiöse” Wahrheit als Vorwand oder Deckmantel für dramatische Verfolgungen dienen – z.B. für Christenverfolgungen in einigen islamischen Ländern, für Kämpfe zwischen Anglikanern und Katholiken in Nordirland oder zwischen Sunniten und Schiiten unter Muslimen.

 

Doch die wichtigste Wahrheit ist der Wert jedes einzelnen Menschen. Dieser Wert geht jeder anderen Einteilung der Menschen z.B. nach Rasse, Kultur oder Religion, aber auch nach Reichtum und Macht voraus. Wir Menschen der westlichen Welt klassifizieren für gewöhnlich andere. Dabei setzen wir uns immer an die erste Stelle. So erniedrigen wir andere und machen sie zu Menschen zweiter Wahl und hätten nur Recht zweiter Ordnung. Das merkt man z.B. daran, daß die Zahl westlicher Soldaten, die in diversen Kriegen gefallen sind, genau fststeht, während die Zahl der “anderen” Toten genau der selben Kriege nur ungefähr erfaßt wird. Die negativen Folgen der Kriege – die Toten die gestorben sind, weil man etwas falsch programmiert hatte oder weil sie zum Ziel unserer zerstörerischen Waffen wurden, werden als “Kollateralschäden” bezeichnet. Vielleicht ist die oft zwar unbewußte, aber folgenschwere Einstellung, wir Menschen der westlichen Welt seien etwas Besseres, befänden uns auf einem höheren Niveau von Menschlichkeit die Ursache des Skandals, der Amerika und die ganze Welt schockiert hat. Bekanntlich wurden in irakischen Gefängnissen Gefangene durch Soldaten und Soldatinnen der westlichen Streitkräfte mit dem Wissen ihrer Oberen sadistisch gefoltert. Oder denken wir an die Behandlung afghanischer Häftlinge, die ohne Prozess im Gefängnis von Guantanamo festgehalten werden. Das Bewußtsein, westliche Menschen seien etwas Besseres legitimiert scheinbar solche Mißhandlungen anderer Menschen, die als minderwertig angesehen werden. Damit wird der in der Antike in unserem westlichen Kulutrukreis gängige Brauch wieder aufgegriffen. Schon einmal wurden hier Menschen, die mit Gewalt gefangen genommen worden waren, als Sklaven behandelt: Die Alten Römer behandelten ausschließlich ihre besiegten Feinde auf diese Weise). Dieses Verhalten von westlichen Menschen, die sich als Verteidiger und Vorkämpfer der “Menschenrechte” verstehen hört nur auf, wenn es von den Medien publik gemacht wird. In der öffentlichen Meinung derjenigen Völker, die “befreit” werden oder befreit werden sollen, macht es alle Erklärungen, anderen die Zivilisation zu bringen, unglaubwürdig. Wir sollten uns alle fragen, inwieweit wir selbst nicht heimlich stolz auf die eigene Art sind und uns deswegen ständig über alle erheben, die anders sind als wir.

 

 

Wer den Wert jedes Menschen anerkennt, sollte auch für klare und aufrichtige Beziehung zwischen Individuen und Gemeinschaft einstehen, sich für objektive  Information einsetzen und die Lüge ablehnen. Macchiavelli und seinem “Principe” wird das Motto zugeschrieben: “Der Zweck heiligt die Mittel”. Diese Einstellung ist verrührerisch. Wer so denkt, ist permanent versucht, die Wahrheit zu verbergen, oder zu verfältschen – unter dem Vorwand, so hehre Ziele besser erreichen zu können.

 

Die Feststellung, die wichtigste wahrheit sei der Wert jedes einzelnen Menschen sei die wichtigste Wahrheiter wist auch wichtig für den zweiten von Pacem in Terris genannten Wert, für die Gerechtigkeit. Gewöhnlich verstehen wir darunter “jedem das Seine” zuzuteilen. Dabei denken wir niemals darüber nach, mit welchem Recht wir das “meine” oder das “unsere” definieren, und fragen uns nie, wie wir dazu gekommen sind, daß die Dinge zu “meinen” und “unseren” werden konnten. Doch wir müssen gestehen, daß dies sehr häufig auf den Gebrauch von Gewalt zurückgeht. Durch diese Gewalt wurden die legitimen Bewohner zahlreicher Gebiete besiegt, wenn nicht sogar ausgerottet: Angefangen von den Regionen Amerikas, das zur Kolonie der Machthaber, der Sprache, der Kultur und der Religion der herrschenden europäischen Mächte gemacht wurde, bis hin zu den Regionen Afrikas, das nach den Bedürfnissen und den Epochen der Besatzer aufgeteilt und zerstückelt wurde. Wir haben diese Gebiete und ihre Bevölkerung ausgeplündert und arm gemacht. Wir haben ihnen unsere Zivilisation gebracht – das stimmt schon – doch wir haben sie mit Gewalt aufgezwungen und die Zivilisation in den Dienst unserer Interessen gestellt.

Diese herablassende Haltung hält bis heute an: die wirtschaftlich starkenLänder formulieren gemäß ihren eigenen Interessen Gesetze und Regeln. Doch brechen sie diese dann sofort wieder und vergessen sie, wenn es Verzicht und Opfer bedeuten würde, sie zu halten.

Die UNO wurde als Mittel des Ausgleichs und der Kompensierung zwischen den beiden Supermächten gebraucht. Heute, nachdem es eine der beiden Supermächte nicht mehr gibt, hat die andere mit ihren Satellitenstaaten keineswegs die Absicht auf Vorteile zu verzichten – zumal niemand in der Lage ist, ihr diese Vorteile wirksam strittig zu machen. Doch einer Organisation, in der fünf Nationen aufgrund eines Sieges in einem Krieg, der sechzig Jahre zurück liegt, mit ihrem Veto jedwede Entscheidung blockieren können, die möglicherweise ihnen oder einem ihrer Freunde nicht gefällt, fehlt prinzipiell der Geist der Demokratie. Und die internationalen großen Organisationen der Finanzwelt (wie die Weltbank oder der Internazionale Währungsfonds), des Handels (wie die WTO) werden so vollständig von den großen Nationen des Westemns dominiert, daß die ärmsten Länder ins Elend gestürzt und von Schulden erdrückt werden. Hier erweist sich das Ideal eines “freien Handels”, der angeblich zu mehr Wohlstand aller führen soll, als Illusion. Denn in Wirklichkeit geht es doch nur um die Möglichkeit, daß die großen multinationalen Unternehmen in den ärmeren Ländern Fuß fassen, ohne daß diese einen Nutzen aus ihren Exporten ziehen können – zumal diese immer mehr unter Strafen gestellt werden.

Die Globalisierung ist eine unumkehrbare Tatsache. Wenn sie aber den grausamen Regeln des Rechts des Stärkeren gehorcht, die ja die zunehmende Verarmung und Abhängigkeit der ärmsten Länder auslösen, dann müssen wir diese Regeln kritisch hinterfragen. Sie sind, wie PApst Johannes Paul II sie definirete: “Strukturen der Sünde”. Damit sagt der Papst auch, daß Christinnen und Christen diese Strukturen nicht passiv hinnehmen und erst recht nicht selbst seelenruhig nutzen dürfen. Strukturen der Sünde erregen bei den Menschen aus den am allermeisten ausgebeuteten und an den Rand gedrängten Ländern Bitterkeit und Haßgefühle, das Streben nach Rache und Vergeltung und sind der Närhboden für den Terrorismus. Wirksam bekämpfen kann man diesen am besten, indem man seine Ursachen und das, was ihn nährt beseitigt – und nicht durch die Anwendung von Gewalt, die ihn nur verstärkt. Zugleich wächst die Gefahr, daß gerade die Mittel, durch die man im Augenblick den Terrorismus bekämpfen möchte, die Demokratie selbst schwächen, die wir ja weltweit einführen möchten.

Vor diesem Hintergrund sollten wir alle selbst unser Gewissen erforschen und uns fragen, ob wir uns selbst aufrichtig engagieren. Denn schließlich geht es um die Solidariät, um den dritten Grundpfeiler, auf dem der Friede beruht (Pacem in Terris sprach hier von Liebe). Solidarität bedeutet, dasLeben der anderen und ihre Probleme zu teilen. Zu häufig allerdings versteht man unter Gerechtigkeit die Unterstützung von Hilfsbedürftigen oder Armen. Die eigentliche Aufgabe und die konkrete Verantwortlichkeit der jenigen, die kulturell, politisch oder finanziell mehr Spielraum haben, besteht aber darin, die sozialen Strukturen so zu verändern, daß auch die ärmeren und weniger begüterten Menschen den Fortschritt nutzen und in Würde und sozialer Sicherheit und Freiheit leben können. Diese Aufgabe gilt für unser überschaubares unmittelbares Umfeld, in dem wir jeweils als Individuen oder Familien leben, für die sozialen Strukturen, in denen Menschen ein höheres kulturelles und soziales Niveau erreichen können und schließlich auch die Beziehungen zwischen den Nationen: wahre Solidarität zu üben bedeutet, auf Vorteile zu verzichten, die durch den Druck der entwickelteren und reicheren Nationen zu Lasten der ärmeren und abhängigeren Nationen erreicht wurden. Wahre Solidarität bedeut, die internationalen Gesetze auch dann anzuerkennen und zu beachten, wenn reichere Nationen bestraft werden oder einen Verzicht leisten müssen. Wer sich selbst als Bote der Freiheit und Demokratie in der Welt ansieht und diese Demokratie mit Waffengewalt durchsetzt oder eine Solidarität erpreßt, mit der anderen der eigene Wille – das heißt die eigenen Interessen und der eigene Way of Life aufgezwungen wird, ist ein Heuchler – und dies umso mehr, wenn er genau in dem Moment einen Rückzieher macht, wenn demokratische Entscheidungen der legitimen politischen Gremien vor Ort es erfordern würden, daß er seinen eigenen Profit oder die eigene Macht einschränkt. Besonders die jungen Menschen werden von diesem System immer mehr erdrückt. Sie geraten in Not und werden durch die Ideologie des Konsums, des Geldes, des Erfolgs korrumpiert.

Dieser Widerspruch, sich gleichzeitig als Verfechter der Demokratie hinzustellen aber diese genau dann wieder abzublocken, wenn sie den eigenen Interessen widerspricht zeigt sich auch an der Tatsache, daß man den “gewaltsamen” Lösungen Vorrang einräumt. Durch Waffengewalt oder Erpressung erreichten Lösungen schaffen den Stärkeren Vorteile. Denn diejenigen, die über mehr Geld oder politische Stärke verfügen, können sich besser oder stärker bewaffnen. Doch der Gewalt den Vorrang vor anderei Mitteln zu geben, löscht die Freiheit aus. Diese ist der vierte Pfeiler, auf dem der Frieden ruht.

 

Wie oft führen wir Menschen des Westens das Wort von der Freiheit im Munde. Dabei denken wir doch immer an “unsere” Freiheit. Sie besteht für gewöhnlich darin, daß wir die Freiheit anderer einschränken, wenn nicht sogar unterdrücken. Eine belgische Redewendung hat ein treffendes Bild dafür: Ein freier Fuchs in einem freien Hühnerstall. Vielleicht ist es kein Zufall, daß die großen europäischen Nationen, die Vorreiter der bürgerlichen Rechte und der Demokratien Freiheit verwirklicht haben, indem sie die Kolonien ausbeuteten. Oder daß die Vereinigten Staaten von Amerika nach Innen ein höchstes Modell der freien Nation verwirklichten und zugleich in Lateinamerika Militärdikaturen begünstigt und dort (z.B. vor dreißig Jahren in Chile) den Sturz wirklicher Demokratien herbeigeführt haben um ihre eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen durchzusetzen.

Wahre Freiheit hingegen bedeutet, Gewalt zurückzuweisen. Sie entspricht der “Gewaltfreiheit”, dem Dialog, der Öffnung gegenüber dem Anderen. Wahre Freiheit bedeutet anzuerkennen, daß es im anderei eine Wahrheit gibt, die mich wachsen läßt. Wahrheift herrscht dort, wo die Rechte des anderen anerkannt, respektiert und voran gebracht werden. Mahatma Ghandi verband in der indischen Sprache die “Ahimsa” – die Gewaltfreiheit mit der “Satyagraha”, der Wahrheit und Freiheit. So zeigte er, daß es hier nicht um Passivität und Resignation geht, sondern um ein aktives Engagement, um eine Übung der Intelligenz und des Fleißes. So soll  die phyische Gewalt in einem höchstmöglichen Maß ausgeschaltet werden, die genau demjenigen Vorteile verschafft, der mehr Kraft hat und nicht demjenigen, der mehr Vernunft oder mehr Recht hat. (Wortspiel – avere Ragione: Vernunft besitzen – und zugleich Recht haben).

Wer sich lieber auf die militärische Gewalt und ihre eigenen Interessen verlassen, sehen in der Gewaltfreiheit einen Traum, eine naive Utopie, ein bequemes Nichtstun. Ich aber glaube, daß der utopische Traum durch Gewaltfreiheit Frieden zu schaffen nicht von Naiven, sondern von wirklich am Frieden interssierten Menschen geträumt wird.. Große multinationalen Konzerne könnten, statt immer raffiniertere und teurere Waffen zu produzieren auch zum Wiederaufbau beitragen. Die Konzerne, die über die Mehrzahl der Massenkommunikationsmittel verfügen, könnten, aufhören mit allen Mitteln, auch durch Finten und Lügen Situationen herzustellen, die ihren vielfältigen Interessen dienen.

Doch die Geschichte der Gegenwart zeigt etwas anderes: die entwickeltsten und mächtigsten Länder geben dann der Gewalt den Vorzug, wenn die Waffenlager wieder einmal geleert werden müssen, damit neue Waffen ausprobiert werden können; ja es scheint sogar so, daß die Kapitulation Japans am Ende des Zweiten Weltkrieges solange hinausgezögert wurde, bis es möglich war zwei verschiedene, gerade erst fertiggestellte Atombomben – eine mit Uran und eine mit Plutonium – über Hieroshima und Nagasaki abzuwerfen zu können. Nach einem Friedensschluß hätte man sie nicht mehr ausprobieren können.

 

Vor dem Irakkrieg wurden die internationalen Autoritäten, die als einzige in der LAge gewesen wären, ausreichend unparteiisch zu urteilen, ausgeschaltet. Dann kam es zu einer einseitigen Gewaltanwendung, deren Folgen bis heute mit Händen zu greifen sind.. Sie hat kullturelle und religiöse Kämpfe ausgelöst, die das Leben derjenigen, die als Sieger aus dem Ganzen hervorgehen schwieriger und gefährlicher macht.

Wir brauchen keine Gewalt, sondern mutige politische Strategien der Gewaltprävention und Hartnäckigkeit beim Anwenden der Instrumente der Diplomatie. Wir brauchen auf der Ebene der Gesellschaft, der Politik der Religion offene und vertrauensvolleensvolle Beziehungen zwischen den Zivilgesellschaften der verschiedenen Länder und müssen auf zweischneidige Mittel verzichten, die die Probleme verschlimmern.

Dieser Stil der Gewaltfreiheit, der Anerkennung der Persönlichkeit des Anderen, des wirksamen Respektes vor der Freiheit muß im Alltagsleben, in Famiglie und Schule, am Arbeitsplatz und freundschaftlichen Beziehungen praktiziert werden. Es lohnt sich, dieses hohes Ideal anzustreben und es Tag für Tag mit Intelligenz, Phantasie und großer Entschiedenheit zu verwirklichen. So bauen wir den Frieden auf.

 

 

Dieses grundlegende Engagement für Frieden und Solidarität ist unabdingbar für alle Menschen “guten Willens”. Besonders für Christinnen und Christen ist es eine Pflicht. Aus geschichtlichen Gründen werden in der arabischen – und weiter auch in der islamischen Welt Christen und Christinnen mit den Menschen des Westens identifiziert. Als solche sollten sie sich die gerade dargelegten Gedanken zu eigen machen. Ich meine, gerade als Christinnen und Christen haben sie die spezifische Aufgabe, den Frieden zum Zentrum ihres Glaubens zu machen.

 

Mit großem Nachdruck rief vor einigen Jahren Papst Johannes Paul II und ruft heute Papst Benedikt XVI zu Frieden und gewaltfreien Lösungen auf – jedes Mal neu, wenn  Anzeichen eines Krieges deutlich werden. Gott wollte von Anfang der Schöpfung an den Frieden. Am Weihnachten, dem Punkt der höchsten Vollendung der Schöpfung und zugleich der Heilsgeschichte, ließ Gott die Engel von Bethlehem den “Frieden auf Erden” allen Menschen verkünden. Denn alle Menschen gilt der gute Wille Gottes. Alle sind “Menschen, die Gott liebt”. Wenn diese Liebe der Grund der Inkarnation ist, dann müßte der Frieden heute mehr denn je zu einem Merkmal der Christen werden.. Der Erste Johannesbrief (4,19) nennt diejenigen Lügner, die sagen, sie liebten Gott und seine Gebote nicht halten. Denn in dieser Haltung zeigen sie, daß Gott, an den sie angeblich glauben, nur ein Name ohne Substanz ist. Lügner wird auch der Mensch genannt, der sagt, er liebe Gott, den er nicht sieht, aber seinen Bruder und seine Schwester nicht liebt. Hier kommen unsere Überlegungen wieder ins Spiel. Wir sehen den Bruder und die Schwester. Folglich läßt sich konkret nachvollziehen, welche Beziehung wir zu ihnen haben.

Beim Evangelisten Johannes lesen wir in der Rede, die Jesus an Nikodemus richtet (vgl. Joh 3, 18), derjenige der an Jesus glaube, werde gerettet. Wer aberr nicht glaube, werde verdammt. Das scheint zunächst nahezulegen, daß diejenigen, die Jesus nicht kennen und folglich nicht an ihn glauben automatisch verdammt werden. Man kann diesen Satz aber auch anders verstehen. Anstatt zu sagen “wer an ihn glaubt ist nicht verdammt” (und dabei den Glauben an Jesus Christus hervorzuheben) könnte man auch sagen: “wer glaubt – wird in Jesus Christus nicht gerichtet”. Auf diesen Satz würde dann folgen. “Wer nicht glaubt, ist bereits gerichtet”. Auf diese Weise bekäme das Glauben selbst eine allgemeine und starke Bedeutung. So würde das “Glauben” selbst, das Aufbrechen des eigenen Individualismus (des Stolzes, der den Anderei erniedrigt, der horizontale Egoismus) zugleich ein Sich-Öffnen auf Gott und auf den Nächsten hin – und bereits das wäre die Rettung – ob man darum weiß oder nicht. Das Sich Öffnen geschieht immer in Jesus Christus, der durch seinen Tod und Auferstehung die Erlösung aus der Verschlossenheit der Sünde bewirkt hat.

Diese Feststellung vermindert nicht die Bedeutung Jesu Christi, sondern verstärkt sie. Denn sie bezieht alles Lebende und Lebendige in der Welt und in der Geschichte auf Jesus Christus, auch wenn die Mehrzahl derjenigen, die in dieser Bezihung leben, dies nicht wissen. Diese Interpretation der Stelle verschafft den Christen nicht die …kapitalistisch anmutende Position einer privilegierten, unverdienten und exklusiven Nähe zu Jesus Christus, sondern erinnert sie an ihre Verantwortung die wirkende unersetzliche Gegenwart des Sohnes Gottes, der für das Heil der Menschheit Mensch wurde, in die Welt und Geschichte hineinzutragen und hier zu bezeugen. “So sehr hat Gott die Welt (die ganze Menschheit und die gesamte Geschichte geliebt), daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab, auf daß jeder der an ihn glaubt nicht stirbt” Das bedeutet nach unserer Interpretation der besagten Stelle nicht: Damit jeder, der an Jesus Christus glaubt nicht stirbt, sondern “damit jeder, der glaubt – in ihm nicht stirbt, sondern das ewige Leben hat. Denn “Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt und in die Menschheit gesandt, um die Welt zu richten “(d.h. sie zu verdammen), sondern “damit die Welt durch ihn gerettet wird” (vgl. Joh 3,16-19). Das ist ein Loblied auf die so genannten “anonymen Christen und Christinnen”, d.h. auf diejenigen, die ehrlich und großzügig, ja vielleicht sogar heilig leben. Sie tun dies, ohne Jesus Christus und den Heiligen Geist zu kennen, in der Kraft Jesu Christi und des Heiligen Geistes, der die Welt durchdringt. Vielleicht wurden sie in einer anderein Religion erzogen, in der ja auch, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt “Samenkörner des Wortes” vorhanden sind. Daß die Enzyklika Pacem in terris und die Konstitution Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils grundlegende Impulse für das Nachdenken über und das Engagement für den Frieden liefern, habe ich bereits dargelegt. Einigen Konzilsbischöfen erschien diese Aufmerksamkeit für das menschliche Thema des Friedens fast als ein Ausweichen, wenn nicht sogar als ein Verzicht auf das spezifisch Christliche am eigenen Glauben. Sie protestierten dagegen. Über den Frieden nachzudenken und sich für ihn zu engagieren, heißt jedoch, sich durch die Inhalte des eigenen Glauben inspirieren zu lassen um dann die eigene Überzeugung rational und menschlich zu begründen, sodaß jeder Mensch, auch wenn er einer anderen Kultur und Religion angehört, diesen Überlegungen zustimmen und am Frieden mitarbeiten kann. Auf diese Weise wird der Glaube, statt Grund für Trennungen und Streit zu sein, zum Anlaß für Begegnung und Solidarität.

Wir sollten hier klarstellen, was es bedeutet, sich nicht des “eigenen Glaubens zu schämen” und ihn auch nicht demonstrativ in den Vordergrund zu stellen oder ihn sogar als direkte Begründung für die Durchsetzung politischer und ökonomischer Interessen zu mißbrauchen. Christen und Christinnen sollten einzeln und in Gemeinschaft im Hören auf das eigene Gewissen über ein aufrichtiges und wirkungsvolles Engagement für den Frieden nachdenken. Wer das nicht tut, sollte wissen, daß er oder sie einen grundsätzlichen Teil des Motives verrät, das das Wort Gottes dazu antrieb, Mensch zu werden und in die Welt und in die Geschichte hineinzukommen.

 

Beim Betrachten der vier “Grundpfeiler des Friedens”, Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit von denen Pacem in Terris spricht, stellen wir fest, daß sie den Charakteristika der christlichen Botschaft entsprechen. Diese gilt es so zu bezeugen, daß sie auch wirklich von allen Menschen guten Willens aufgenommen und geteilt werden können. Denn Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit sind die Bedingung dafür, daß die Menschen das Leben in Fülle haben.

Die Wahrheit, die Tatsache, daß jedes menschliche Leben, auch das derer, die am ärmsten und am meisten and en Rand gedrängt werden, widerspricht unserem Bestreben, den Mächtigsten und Reichsten vor allem dann den Vorrang einzuräumen, wenn sie zu unserer eigenen Kultur gehören. Nicht aus Zufall wurde Jesus Christus in einem Dorf geboren, das mit Mißtrauen gesehen wurde. Er wurde zum Einwohner Nazareths, einer Stadt, aus der nichts Goutes kommen konnte (Joh 1,46). Zu den umwerfendsten, charakteristischsten christlichen Geboten gehört die Feindesliebe (Mt 5,42), Die Fende zu lieben bedeutet eigentlich, selbst niemanden zum Feind zu haben. Das Christentum hat in der modernen Gesellschaft weniger Gewicht als früher. Das kann möglicherweise auch damit erklärt werden, daß die Christen und Christinnen den Auftrag derr Feindesliebe nicht ernstnehmen, die sich allzu gerne nach dem “gesunden Menschenverstand” richten. Doch dieser ist für gewöhnlich ein Ausdruck des Egoismus der Bessergestellten.

Zu oft vergessen wir, daß wir Christinnen und Christen sind, wenn wir Menschen ausbeuten, die aus anderen Erdteilen, Kulturen und Religionen stammen. Doch unsere Bevölkerungszahl schrumpft. Viele unserer Landsleute weigern sich schwere oder weniger qualifizierte Arbeiten auszuführen. Weil wir sie brauchen, stellen wir deshalb Menschen aus armen Ländern zu niedrigen Löhnen und ohne entsprechende soziale Absicherung ein (oft sogar als “Schwarzarbeiter” wie man so sagt). Diese himmelschreiende Heuchelei und dieser offensichtlicher Egoismus vertragen sich nur schwer mit dem Bekenntnis des christlichen Glaubens.

Denn auch die Gerechtigkeit hat einein christlichen Aspekt.. Als Chrarakteristikum und unterscheidendes Kennzeichen christlichen Handelns nennt das Evangelium (Mt 25,31) den Hungernden zu Essen zu geben und den Durstigen zu Trinken, die Nackten zu bekleiden und die Heimatlosen aufzunehmen, die Kranken und Gefangenen zu besuchen. Dabei geht es nicht um den Vollzug einzelner punktueller und zufälliger Handlungen, bei denen doch die Mehrzahl der Menschen weiterhin Hunger und Durst leidet, nackt und ohne Haus, krank und im Gefängnis bleibt. Die wahre Weise, ihre Bedürfnisse zu stillen, besteht darin, alles zu tun, daß sie nie wieder Hunger oder Durst haben, nie wieder arbeitslos und deswegen nackt sind, oder ohne Haus, krank und ohne soziale Absicherung.

Vielleicht haben wir Christen zugelassen, daß andere Menschen, die möglicherweise ihre Motivation aus bestimmten Ideologien bezogen haben, zu Vorkämpfern für eine gerechtere Welt wurden. Dies führte dazu, daß die Gemeinschaften der Christen als Verbündete der Reichen und Mächtigen erschien und als Menschen, di eden Armen und ausgebeuteten feindlich oder mißtrauisch gegenüberstehen. Doch nicht der Streit um die Richtigkeit verschiedener Glaubensbekenntnisse, sondern das Engagement für die Gerechtigkeit den Armen gegenüber ist die Bedingung dafür, daß wir ein Teil des Reiches Gottes sind und oder es eingehen werden, das heißt der Welt, der Menschheit, wie Gott sie will. Und wenn wir keine Gerechtigkeit schaffen und dafür sorgen, daß alle zu essen, alle Arbeit und ein Zuhause, Gesundheit und menschliche Würde

haben, können wir uns nicht wirklich Christen nennen.

 

Das bedeutet, daß die Solidarität ein typisches Merkmal des christlichen Glaubens ist. Denn solidarisch handeln bedeutet, sich zum Nächsten zu machen, wie der Schluß des Gleichnisses vom Guten Samariter nahelegt (Lk 10,31). Dieser Fremde zählte zu den damals verachtetsten Heiden. Auf Samariter wurde herabgeschaut, weil sie Nachfahren von Mischehen zwischen jüdischen Frauen und Assyrern entstammten, die in den Norden des Landes eingefallen waren, nachdem die jüdischen Männer ins Exil verschleppt worden waren. Der verachtete Samariter gibt dem  unter die Räuber gefallenen Armen das, was ihm der Priester und Levit verweigert hatten, weil sie die Reinheitsgebote ihrer Religion nicht verletzen wollten. Der Samariter versorgt den Armen und sorgt sogar für die nächsten Tage vor. Am Ende des Gleichnisses stellt Jesus die Frage, wer diesem Armen der Nächste geworden ist. Auf diese Weisen lenkt Jesus den Blick von einer Art von Hilfe, die von oben kommt und damit die Unterschiedlichkeit und Abhängigkeit ja weiter festschreibt auf die Frage, wem es gelungen ist, sich selbst zum Nächsten zu machen – das heißt auf die geschwisterliche und freundschaftliche Hilfe. Weniger das Spenden, als vielmehr das “Teilen” – das heißt so zu handeln, daß den Armen, denen die Kirche ja stets von außen geholfen hat, sich heute als Teilnehmende und als Protagonisten im Inneren eines Handlungsgefüges verstehen ist die Aufgabe der Christen und Christinnen. Bei der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils sagte Papst Johannes XXIII, die Kirche, die ja schon immer als Kirche “für” die Armen anerkannt und geschätzt worden war, müsse nun zur Kirche “der “ Armen werden.

Die Freiheit schließlich scheint nicht besonders gut mit der christlichen Botschaft überein zu stimmen. Weil sie von oben geoffenbart ist kann man angeblich nicht über sie diskutieren und hat keinen Freiraum für  verschiedene Wahlmöglichkeitent. Fest steht, daß das kirchliche Lehramt der Vergangenheit (bis zum sogenannten Syllabus von Papst Pius IX in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts) die “Religionsfreiheit” ohne Möglichkeit einer Berufung verurteilte.

Das Zweite Vatikansiche Konzil revolutionierte diese Sichtweise. Denn es nahm den Menschen als abgesehen von Gott, einzige objektive Wirklichkeit sehr genau in den Blick. Auch aufgrund der Forderungen amerikanischer Bischöfe, die aus einem pluralistisch geprägten Umfeld stammten, führte dies dazu, daß die Konzilsväter über die Freiheit nachdachten. Da die Freiheit ein Charakteristikum des Menschen ist, kann ein aufgezwungener Glaube kein wahrer Glaube sein, der ja gerade die freie Zustimmung verlangt. Dieser Respekt vor der Religionsfreiheit betont die Liebe zur Freiheit. Ein Engagement für ein Gesellschaftsleben, in dem Menschen wirklich frei sein können wäre demnach ein glaubwürdiges Zeugnis für ein echtes Christentum.

Die Gewaltlosigkeit ist vor allem anderei eine Bedingung der Religionsfreiheit. Als Grundvoraussetzung einer wahrhaft menschlichen Haltung sollte sie zum höchsten Mittel jedes menschlichen, jedes persönlichen oder gemeinschaftlichen Engagements auf und gerade des Engagement für den Frieden werden. Jesus sagte in der Bergpredigt: “Wenn einer dich auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die linke hin” (Mt. 5,39). Der Evangelist schreibt ausdrücklich: “die rechte Wange”. Das bedeutet, daß zuerst mit dem Handrücken zugeschlagen wird – außer der Schlagende ist ein Linkshänder (aber das sind nur 9,27 Prozent der Menschheit). Der zweite Schlag erfolgte dann mit der Handinnenfläche und wäre deswegen noch schmerzhafter. Wir kennen die Meinung, so könnte sich nur ein frommer Menschen, nicht aber ein Politiker verhalten. Ich dagegen möchte auf Jesu Verhalten hinweisen. Ein Sklave des Hohen Rates gab Jesus während seiner Passion eine Ohrfeige, weil es ihm nicht gefiel, wie Jesus dem Hohen Priester geantwortet hatte (Joh 18,22). In diesem Augenblick hätte ihm Jesus auch die andere Wange hinhalten können. Doch Jesus antwortete: “Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?” (Joh 18,23). So gibt Jesus uns zu verstehen, daß “die andere Wange hinhalten” nicht bedeutet, die Gewalt wieder zurückzuleiten, sondern etwas zu unternehmen, damit der andere in Zukunft auf Gewalt verzichtet. Genau das sollte der Stil eines authentischen christlichen Lebens sein. Das ist etwas ganz anderes als “gerechte Kriege” oder “Verteidigungskriege” oder “Kriege aus humanitären Gründen”!. Wenn wir richtig nachdenken, so bleibt die Gewaltlosigkeit der einzig wirksame Weg zum Frieden. Gewalt bringt neue Gewalt hervor. Und ein Frieden der dem Machtmißbrauch verbunden ist, erzeugt Haß, Ressentiments, den Wunsch nach Rache und Vergeltung. In einer technisch hochentwickelten und globalisierten Welt ist genau das der Nährboden für Terrorismus und Angst.

 Bis jetzt sprach man von der Solidarität als eine Art Lackmuspapier, an dem sich der Grad der Christlichkeit eines Menschen ablesen läßt (Johannes Paul II schreibt in der Enzyklika Sollcitudo rei socialis “Solidarität sei der aktuelle Namen der Nächstenliebe, Man sei nur in dann Christ oder Christin wenn man die Nächtenliebe habe und in dem Maße, in dem man sie lebe!). So können wir hinzufügen, daß die Rückseite dieses Lackmuspaiers die aktive Gewaltlosigkeit ist. Jahrhunderte haben wir gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen. Doch heute – vor allem in unserem Jahrhundert – können wir uns nur dann als Christen und Christinnen bezeichnen, wenn wir uns für die aktive Gewaltfreiheit engagieren. Jede andere Haltung erweist sich als anachronistisch und inkohärent. Dies müßte viel stärker ins christliche Blickfeld kommen. Es sollte auch in Predigten als die wahre Lehre der Kirche verkündet werden – und zwar gegen alle Meinungen, die diesbezüglich in der Politik vertreten werden: der wahre Materialismus und der wahre Atheismus sind ebenso Götzenverehrung wie das passive Tolerieren von Gewalt, die unter welchem Vorzeichen sie auch geschehen mag, nur ein Instrument von Macht, Herrschaft und Egoismus ist.

So kommen wir zu einer überraschenden Schlußfolgerung: Mit “Häresie” bezeichnete man einst– wie das griechische Wort für Trennung nahelegt, von dem sich der Begriff Häresie ablegt - die Weigerung, in der vollen Gemeinschaft mit der Kirche zu bleiben, weil man ein Dogma nicht annehmen konnte. Wenn früher zum Beispiel diejenigen als Häretiker bezeichnet wurden, die nicht annahmen, daß Jesus zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch ist oder daß der Heilige Geist nicht von derselben Natur ist wie der Vater und der Sohn, von denen er ausgeht, so müßte man heute diejenigen als Häretiker bezeichnen, die nicht an die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen glauben und ihnen nicht die Menschenrechte zuerkennen. Häretiker müßte auf sozialem Gebiet heißen, wer nicht von der Solidarität und der Gewaltfreiheit ausgeht.

Das Konzil hat gelehrt, daß die Aufgabe der Gewaltfreiheit, von der Kirche, die ja “communio” das heißt “Gemeinsame Verantwortung” ist, dort wahrgenommen wird, wo irgendeinein Christ oder eine Christin, egal welchen Alters gemäß den eigenen Fähigkeiten aktiv eine Aufgabe in diesem Sinne ausführt. Die Kirche gründet in der Eucharistiefeier. In ihr wird Jesus Christus gegenwärtig und gießt den Geist, die Frucht seines Todes und seiner Auferstehung über alle aus. “Er neigte das Haupt und gab den Geist auf” lesen wir im Evangelium des Johannes, der damit sowohl auf den letzten Atmenzug Jesu anspielt, als auch auf die Ausgießung des Geistes die an Pfingsten besonders deutlich spürbar und wirksam wurde. Gerade weil Gott die Welt auf Jesus Christus hin erschaffen hat (“Erstgeborener der ganzen Schöpfung” nennt ihn Paulus in Kol 1,15), hat er an den totalen Christus gedacht, der gebildet ist aus der Gesamtheit aller Menschen und durch jeden von uns. Durch ihn liebt uns Gott ständig und ruft uns in den Umkreis des Wortes, das er im Laufe der Jahrhunderte – besonders durch Jesus Christus an die Gemeinschaft der Menschen gerichtet hat. In jedem einzelnen Augenblick denkt Gott an uns und ruft uns an. Er bittet ihm, die Ere zu erweisen in der Fülle unseres Lebens und gemäß unseren Fähigkeiten den Frieden in die Welt und in unsere Zeit zu bringen, nicht nur für uns selbst und unsere Landsleute, sondern für jeden einzelnen Menschen, auch den, der am weitesten weg ist und am meisten verschieden von uns selbst. So wie er uns liebt, so liebt Gott auch jeden anderen Menschen.

Daran sollten wir denken, wenn wir Gott als “Unseren Vater” anbeten, wenn wir ihn bitten, allen “unser” tägliches Brot zu geben, wenn wir im Wissen, wie wir selbst sind, ständig neu um Vergebung bitten, in dem Maße, wie wir selbst anderen vergeben, die uns verletzt haben. Wenn wir dann auch noch zur Gottesmutter beten, dann teilen wir unweigerlich das Bewußtsein der ersten Christin, der Mutter der Kirche und des Beginns des Glaubens an Gott von dem gesagt wird: “Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhört die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehn” (Lk 1,51-53)