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24.01.09 19:52 Alter: 9 yrs
Kategorie: Erklärungen

Brief an Bundeskanzlerin Merkel aufgrund des Gaza-Krieges

In diesem Schreiben an Frau Dr Merkel wird kritisch die Rechtfertigung des Gaza-Krieges hinterfragt und auf einen neuen Weg hingewiesen


 

Bundeskanzleramt

Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Willy Brandt-Str. 1

10557 Berlin

 

22.1.2009

 

 

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

 

vom 27.12.2008 bis zum 18.1. 2009 herrschte in Gaza ein furchtbarer Krieg, der wie jeder Krieg die Menschenrechte bis aufs äußerste mit Füßen trat. Ein Krieg, der mit unvorstellbarer Härte von der israelischen Armee geführt wurde mit einem hohem Blutzoll von palästinensischen Zivilisten, die Hälfte davon Frauen und Kinder. Ein Krieg, der den Hass steigern und den radikalen Kräften Zulauf bringen wird.

Es wird von über 1400 Toten und mehreren tausend Verletzten auf palästinensischer Seite und 13 Toten (10 Soldaten, 3 Zivilisten) auf israelischer Seite gesprochen, gar nicht zu sprechen von den ca. 2 Millionen traumatisierten Kindern und Erwachsenen in Gaza und Sderot und anderen israelischen Orten nahe Gaza.

Für pax christi Augsburg ist Ihre einseitige Schuldzuweisung an die Hamas in keinster Weise nachvollziehbar und auch nicht akzeptabel. Auch Sie wissen sehr wohl, dass die Geschichte nicht mit den Qassamraketen beginnt. Zurecht haben Sie auf den Zusammenhang

von Ursache und Wirkung hingewiesen, diesen Zusammenhang aber in ihr völliges Gegenteil verkehrt. Ursache für die unseligen Raketenabschüsse militanter Palästinenser auf Israel ist die seit 18 Monaten dauernde menschenverachtende Blockade, die von Anfang an und fortdauernd gegen die Waffenstillstandsvereinbarungen vom Juni 2008 verstieß, die wiederholten Liquidierungen von Hamas-Führern, darüber hinaus die Besatzung, der Mauerbau, die Siedlungspolitik...

 

Ihre Haltung und die Ihres Außenministers wird in Israel als Rechtfertigung im Sinne der erlaubten Selbstverteidigung verstanden und trägt nicht dazu bei, den nötigen Druck auf die israelische Regierung zu erzeugen, ihre Politik der Landnahme und der Blockade mit allen grausamen Folgen ( für die Ernährungssituation, Medizin-, Wasser-, Stromversorgung, Umwelt ... ) für die Zivilbevölkerung zu beenden.

Genau dieses Ende der Blockade fordert mit dem Hinweis auf die verzweifelte Lage der Menschen neben vielen anderen die Generaldirektorin von Caritas Jerusalem, Frau Claudette Habesch, die von einem Freiluft-Gefängnis Gaza spricht. Schärfste Kritik am israelischen Blutvergießen kommt auch aus dem Vatikan.

Prof. Rolf Verleger vom Zentralrat der Juden in Deutschland fragt zurecht:

„Dass das europäische Judentum Opfer eines von Deutschland verübten großen Unrechts wurde – gibt dies nun dem jüdischen Staat das Recht, anderen Unrecht zu tun? Glauben deutsche Politiker wirklich, es sei eine Wiedergutmachung der Ermordung unserer jüdischen Verwandtschaft, dass nun Israel haltlos und bindungslos alles machen darf, was ihm so gerade einfällt?“

Gideon Levy, ein renommierter Journalist der israelischen Zeitung Haaretz schreibt:

‚Jeder, der diesen Krieg rechtfertigt, rechtfertigt auch alle Verbrechen dieses Krieges. Jeder, der diesen Krieg als Selbstverteidigungskrieg sieht, hat die moralische Verantwortung für dessen Folgen zu tragen. Jeder, der heute die Politiker und die Armee ermutigt, weiterzumachen, wird nach dem Krieg ein Kainsmal tragen – eingebrannt auf der Stirn. Wer diesen Krieg verteidigt, verteidigt den Schrecken des Krieges.’

 

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, wir fordern Sie sehr dringend auf, Ihre Verantwortung auch für Palästina entschieden wahrzunehmen und auf einen tragfähigen und dauerhaften Frieden in dieser Region hinzuarbeiten, der beiden Völkern ein Leben in Frieden, Gerechtigkeit und Sicherheit ermöglicht.

Israel muss erkennen, dass seine Sicherheit von Gerechtigkeit und friedlicher Koexistenz mit seinen Nachbarn abhängt und nicht vom verbrecherischen Einsatz von Gewalt und fortwährender Besatzung. Darauf hinzuweisen ist Ihre Pflicht als Regierungschefin eines befreundeten Landes. Auch zum Schutz und für die Sicherheit Israels muss endlich die Gewalt- und Hassspirale unterbrochen werden. Gewalt ist ein Kreislauf, der sich selbst nährt und der sich ständig selbst Feinde schafft.

Wir sind überzeugt davon, dass nur eine Politik, die alle Konfliktpartner in der Region einbezieht – und zwar auf Augenhöhe – Friedenspolitik ist, die diesen Namen verdient.

Wir bitten Sie , alles in Ihrer Macht Stehende zu tun für einen Politikwechsel des jüdischen Staates um seiner eigenen Sicherheit und der Menschen in Palästina willen. Gerechtigkeit und die Würde des palästinensischen Volkes einzufordern ist der einzige Weg für Frieden in der Region.

Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.

 

 

Mit freundlichen und sorgenvollen Grüßen

 

Für die Bistumsstelle Augsburg