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24.11.09 08:40 Alter: 8 yrs
Kategorie: Erklärungen

Leben in gerechtem Frieden

Vorschlag des Ökumenischen Netzes in Deutschland (ÖNiD) für die 2. Fassung der Ökumenischen Erklärung


 

 „Leben in gerechtem Frieden“

Menschheit und Erde befinden sich in einer beispiellosen Krise. Diese äußert sich vor allem in Form der Finanz- und Wirtschaftskrise, der Ernährungskrise, der sozialen Krise (der ständig wachsenden Schere zwischen Verarmenden und sich Bereichernden), der Energiekrise, der Klimakrise und der Krise des dramatischen Sterbens der Arten, der Krise zunehmender Gewalt auf allen Ebenen – von Familie und Schule bis zu imperialen Kriegen. Die Ursachen dieser Krisen hängen offenbar innerlich zusammen mit der herrschenden Zivilisation, die vom „Westen“ aus in Wirtschaft, Politik, Ideologie und Menschenverständnis den gesamten Globus erobert hat. Sie gefährdet das Leben selbst. Darum muss gerechter Friede aus unserer Sicht als Weg zu einer neuen Zivilisation des Lebens auf allen Ebenen verstanden und dieser Weg dann auch beschritten werden – institutionell und spirituell.

 

Die notwendige Umkehr zum Leben in gerechtem Frieden umfasst mindestens drei Aspekte:

  • eine geistlich im Glauben oder humanistisch begründete Vision einer neuen, schon wachsenden Zivilisation des Lebens;
  • die um der Integrität des Glaubens und speziell des Kircheseins willen notwendige grundsätzliche Absage an die herrschende wirtschaftliche, politische, gewaltfördernde Kultur und Weltordnung;
  • kurz-, mittel- und langfristige Schritte zur Verwirklichung der Vision.

 

Deshalb geben wir auf der Grundlage der biblischen Botschaft und unter Aufnahme von Vollversammlungsbeschlüssen der ökumenischen Organisationen folgende Erklärung ab und laden alle Kirchen, Gemeinden, Christinnen und Christen ein, sich diese zueigen zu machen und für die Verwirklichung ihrer Forderungen in den Gesellschaften politisch zu streiten:

1.       Welcher Gott soll regieren?
Wir glauben
, dass Gott die ganze Schöpfung in Liebe geschaffen hat und alle Menschen zur Mitarbeit einlädt, sie in gegenseitiger Solidarität und in Respekt vor Gottes Gaben zu gestalten. „Die Erde gehört Gott und was darinnen ist“ (Ps 24,1). Im Glauben an die trinitarische Dynamik Gottes bekennen wir mit der ganzen Christenheit die Sozialität Gottes als Quelle der Zusammengehörigkeit aller Kreaturen.
Darum sagen wir Nein
zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen Kapitalismus – unter Anwendung von struktureller, kultureller, aber auch direkter Gewalt – aufgezwungen wird. Wir weisen jeden Anspruch auf ein wirtschaftliches, politisches und militärisches Imperium zurück, das Gottes Ordnung des Lebens umzustürzen versucht, und dessen Handeln in Widerspruch zu Gottes Liebe und Gerechtigkeit steht. Wir verwerfen eine Wirtschafts- und Lebensweise, die um der Profitsteigerung willen im Dienst des Götzen Mammon die Natur ausbeutet und grenzenloses Wachstum propagiert, so dass die Lebensbedingungen zukünftiger Generationen gewaltsam zerstört und die Überlebensfähigkeit der Erde insgesamt gefährdet werden.
Gottes Geistkraft befreit uns als Einzelne und als Kirchen dazu, gemeinsam mit sozialen Bewegungen und Menschen aus anderen Glaubensgemeinschaften dem herrschenden politisch-ökonomisch-kulturellen System Widerstand entgegenzusetzen und für lebensnotwendige Alternativen zu arbeiten.

2.       Gottes gute Gaben für alle dürfen nicht gewaltsam privatisiert werden
Wir glauben, dass Gott ein Gott des Lebens ist und Leben in Fülle für alle Kreaturen will. „Ich bin gekommen, damit alle Leben und Überfluss haben“ (Joh 10,10).
Darum sagen wir Nein zu einer Politik, die durch Privatisierung von Kollektiv- und Gemeingütern für die Kapitaleigentümer Reichtum, für die große Mehrheit der Weltbevölkerung aber Knappheit und Armut – die schlimmste Form von Gewalt (Gandhi) – erzeugt und die Natur ausbeutet, ja zerstört. Insbesondere sagen wir Nein zur Patentierung von Saatgut und solcher Medizin, die zur Grundversorgung der Bevölkerung lebensnotwendig ist; Nein zur Privatisierung von Genen sowie zur Biopiraterie; Nein zur Privatisierung von Wasser und anderen Gaben der Natur; Nein zur Privatisierung von Dienstleistungen von besonderem öffentlichen Interesse wie Energie, Transport, Gesundheit, Bildung; Nein auch zur Zerstörung von solidarischen Sozialsystemen durch Privatisierung; Nein zu ihrer Auslieferung an profitorientierte Versicherungskonzerne und damit an die spekulativen Finanzmärkte. Dies alles ist strukturelle Gewalt im Dienst der Reichen.. Insbesondere aber verwerfen wir die direkte Gewalt einer Politik, die zur Durchsetzung dieser Privatinteressen Kriege führt und unermessliche Ressourcen in der Rüstung verschwendet.
Gottes Geistkraft befreit uns als Einzelne und als Kirchen dazu, bei uns selbst sowie in der Gesellschaft für eine Demokratisierung der Wirtschaft im Dienst des Lebens und weltweit für solidarische Sozialsysteme zu arbeiten, damit alle genug haben, weder Mangel noch Überkonsum herrscht und die Erde für zukünftige Generationen erhalten bleibt. Wirtschaften soll dem Gebrauch und nicht der Kapitalvermehrung dienen. Deshalb müssen Güter und Dienstleistungen der Grundversorgung sowie globale Gemeingüter politisch öffentlich und solidarisch bewirtschaftet werden, damit gemäß der Menschenrechtschartas der Vereinten Nationen alle Regierungen ihre Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Bevölkerung wahrnehmen. Wir verpflichten uns, für eine Ordnung auf allen Ebenen zu kämpfen, die Wirtschaft und Politik in den Dienst des Lebens aller stellt und damit auch wesentliche Ursachen von Gewalt überwindet.

3.       Gottes schöne Erde darf nicht gierig zerstört werden
Wir glauben
, dass Gott den Menschen eine wunderbare, reiche und schöne Erde geschenkt und anvertraut hat. „Gott nahm die Menschen und brachte sie in den Garten Eden, diesen zu bebauen und zu hüten“ (Gen 2,15).
Darum sagen wir Nein zu einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Gottes Gaben in Waren verwandelt und sie so zunehmend zerstört. Insbesondere rufen wir Christinnen, Christen, Gemeinden und Kirchen in den Industrieländern auf, ihre unbezahlbaren ökologischen Schulden, insbesondere ihre zerstörerischen Klimaschulden, gegenüber den Menschen in den seit 500 Jahren armgemachten Regionen der Erde anzuerkennen und wenigstens zeichenhaft Wiedergutmachung zu leisten, radikal ihren Energieverbrauch und den Ausstoß klimaschädlicher Emissionen zu reduzieren sowie ihre Regierungen zu verpflichten, entsprechende nationale und internationale Gesetze zu erlassen, die die Klimaerwärmung unter 2 Grad Celsius begrenzen und das Sterben der Arten stoppen.
Gottes Geistkraft befreit uns als Einzelne und als Kirchen dazu, im Blick auf die Reduzierung unseres Energie- und Umweltverbrauch beispielhaft voranzugehen und unsere Regierungen zu zwingen, die erforderlichen Reduktionsverpflichtungen per Völkerrecht verbindlich festzulegen (dabei sind Übergangszeiten für Schwellen- und Entwicklungsländer zu beachten). Insgesamt werden wir persönlich, kirchlich und gesellschaftlich für eine Kreislaufwirtschaft arbeiten, die die Gaben der Natur für alle gerecht und zukunftsfähig nutzt.

4.       Gott befreit arbeitende Menschen aus gewaltsamer Ausbeutung
Wir glauben,
dass Gott menschliche Arbeit als Teilnahme an Gottes schöpferischer Kraft und als Mittel zur Selbstversorgung der menschlichen Gemeinschaften, aber keine Ausbeutung von arbeitenden Männern und Frauen will. „Ich, ICH-BIN-DA (Jahwe), bin deine Gottheit, weil ich dich aus der Versklavung in Ägypten befreit habe“ (Ex 20,2).
Darum sagen wir Nein zu einer Wirtschaftsordnung, in der arbeitende Menschen, insbesondere Frauen, (strukturell oder direkt) gewaltsam ausgebeutet und in die Erwerbslosigkeit gestoßen werden. Nein auch zu Regierungen, die den Arbeitenden Steuern auferlegen, aber immer weniger Steuern auf Kapitaleinkommen von Gewinnen und Vermögen verlangen und Steuerparadiese nicht abschaffen.
Gottes Geistkraft befreit uns als Einzelne und als Kirchen dazu, zusammen mit den Gewerkschaften Rechtsordnungen und wirtschaftspolitische Entscheidungen zu erkämpfen, die allen arbeitsfähigen Menschen gerecht bezahlte und gesellschaftlich sinnvolle Arbeitsplätze verschaffen – nicht zuletzt durch die Verwendung des Produktivitätsfortschritts für umfassende Arbeitszeitverkürzungen. Dabei sollen alle Mitarbeitenden die sie betreffenden Entscheidungen mitbestimmen.

5.       Gott will keine Anhäufung von Geld über das Lebensnotwendige hinaus
Wir glauben,
dass Gott Akkumulation von Reichtum für wenige auf Kosten der Mehrheit verabscheut. „Niemand kann zwei Mächten dienen. Entweder wirst du die eine Macht hassen und die andere lieben oder du wirst an der einen hängen und die andere verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld“ (Mt 6,24). „Giere nicht nach dem, was zu deinen Mitmenschen gehört, weder nach seiner Partnerin noch seinem Partner, noch nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, nicht nach seinem Rind noch Esel, noch nach irgendetwas, das ihm oder ihr gehört“ (Ex 20,17).
Darum sagen wir Nein zu einer Wirtschaftsordnung, die Gier anstachelt und belohnt, die auf naturzerstörendes und sozial spaltendes Wachstum angelegt ist, weil sie Geld und Kapital zur Ware und deren Vermehrung zum Selbstzweck macht.
Gottes Geistkraft befreit uns als Einzelne und als Kirchen dazu, die Gewalt von Geld und Kapital sowie insbesondere deren spekulativen Missbrauch als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ zu überwinden. Wir werden selbst Geld nur im Dienst realen Wirtschaftens gebrauchen. Wir werden zusammen mit sozialen Bewegungen dafür kämpfen, dass die politischen Institutionen Geld national und international zu einem öffentlichen Gut machen, das ausschließlich nutzbringendem Wirtschaften dient und dass sie so alles Eigentum sozial und ökologisch der Allgemeinheit verpflichten.

6.       Gott will durch Gerechtigkeit menschliche Sicherheit schaffen
Wir glauben, dass Gott nicht durch Militär, sondern durch Gerechtigkeit Frieden schaffen will. „Das ist das Wort Gottes an Serubbabel: ‚Nicht mit Macht und nicht mit Gewalt, sondern durch meine Geistkraft’“ (Sach 4,6). „Solange über uns die Geistkraft aus der Höhe ausgegossen wird, wird die Wüste als Baumgarten und der Baumgarten wird als Wald angesehen werden. Dann wird in der Wüste das Recht wohnen und Gerechtigkeit im Baumgarten sitzen. Dann wird die Gerechtigkeit Frieden schaffen und die Gerechtigkeit wird für immer Ruhe und Sicherheit bewirken“ (Jes 32, 15-17).
Darum sagen wir Nein zu der Institution des Krieges, der – zumal unter den Bedingungen der gegenwärtigen Waffentechnik – niemals und durch nichts zu rechtfertigen ist; Nein zu den über eine Billion US$, die jährlich für die Rüstung verschwendet werden, während im gleichen Zeitraum über 30 Millionen Menschen an den Folgen des Hungers sterben. Rüstung mordet nicht erst, wenn sie zum Einsatz gelangt, sondern bereits, wenn sie produziert wird. Insbesondere verwerfen wir völkerrechtswidrig begonnene imperialistische Kriege wie die gegen den Irak und Afghanistan sowie den unbegrenzten „Krieg gegen den Terror“. Darum lehnen wir die über 800 Militärbasen der USA, unter deren Schutz autoritäre und scheindemokratische Regierungen wie in den Philippinen und Kolumbien notorische Menschenrechtsverletzungen verüben, ebenso ab wie die Aufrüstung der EU mit internationalen Eingreiftruppen. Ordnungsaufgaben der Weltgemeinschaft bei notorischen Menschenrechtsverletzungen in einzelnen Ländern und Regionen sind ausschließlich von Polizeikräften unter dem Dach der demokratisch umzugestaltenden Vereinten Nationen durchzuführen.
Gottes Geistkraft befreit uns als Einzelne und als Kirchen dazu, an keinem Krieg in irgendeiner Weise mitzuwirken. Stattdessen wollen wir im Sinn Jesu und Gandhis aktiv gewaltfrei, aber konflikt- und leidensbereit allem Unrecht entgegentreten, präventiv ebenso wie therapeutisch an notwendigen Versöhnungsprozessen mitwirken und politisch dazu beitragen, dass der Krieg geächtet wird.

7.       Gott wird durch Massenvernichtungsmittel gelästert
Wir glauben,
dass Massenvernichtungsmittel eine Gotteslästerung sind, denn Menschen sind nach dem Bilde Gottes geschaffen. „Wer Menschenblut vergießt, deren Blut soll durch Menschen vergossen werden. Denn als Bild Gottes sind die Menschen gemacht“ (Gen 9,6). „Nur wenn ihr euer Verhalten und euer Tun wahrhaft bessert,... kein unschuldiges Blut an diesem Ort vergießt..., dann will ich euch wohnen lassen an diesem Ort für immer, in dem Land, das ich euren Eltern gegeben habe“ (Jer 7,5ff.).
Darum sagen wir Nein ohne jedes Ja zur Produktion, Stationierung und Anwendung von Massenvernichtungsmitteln, die immer unschuldiges Blut vergießen, ja, alles Leben auf der Erde auslöschen können. Wir verwerfen die Strategien der USA und der NATO, die das Recht auf einen atomaren Erstschlag beanspruchen und bereits jetzt mit Uran angereicherte Munition mit verheerender Wirkung für die betroffenen Bevölkerungen zum Einsatz bringen.
Gottes Geistkraft befreit uns als Einzelne und als Kirchen dazu und wir rufen alle Mitglieder von christlichen Kirchen dazu auf, auf keine Weise an der Produktion, Stationierung oder Anwendung von Massenvernichtungsmitteln mitzuwirken, auch keine politische Partei zu wählen, die sich nicht zur vollständigen Abschaffung von Massenvernichtungsmitteln bekennt. Wir rufen insbesondere die Regierung der USA, aber auch alle anderen Regierungen auf, den Worten Taten folgen zu lassen und eine atomwaffenfreie Welt zu schaffen. Nur dann können auch Regierungen, die jetzt nach Atomwaffen streben, daran gehindert werden, ihren Plan in die Tat umzusetzen.

8.       Gott schafft sich ein Volk, das alle Völker zu einem Leben in gerechtem Frieden einlädt
Wir glauben
, dass Gott uns zu einem Volk beruft, das ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden vorlebt und so Licht in der Welt, Stadt auf dem Berge und Salz der Erde wird (Mt 5, 13-16). „Und viele Völker werden aufbrechen und sagen: ‚Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg Gottes, zum Haus der Gottheit Jakobs, damit sie uns lehre ihre Wege und wir gehen auf ihren Pfaden, denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort Gottes von Jerusalem.’ Und Gott wird Recht sprechen zwischen den fremden Völkern und richten zwischen vielen Völkern. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Winzermessern umschmieden, kein fremdes Volk wird mehr gegen ein anderes sein Schwert erheben, und niemand wird mehr Kriegshandwerk lernen. Haus Jakobs: Auf und lasst uns im Licht Gottes gehen!“ (Jes 2,3-5).
Darum sagen wir nein zu allem Missbrauch des Namens Gottes und Christi für Machtzwecke, geschehe er durch Regierungen, politische Parteien, Gruppen, Theologien oder Kirchen. Wir verwerfen insbesondere Wohlstandstheologien, fundamentalistische Kreuzzugstheologien und solche Ideologien, die im Namen der Freiheit die Reichtumsvermehrung von Kapitaleignern betreiben und dafür auch gewaltsames, imperialistisches staatliches Handeln rechtfertigen.
Gottes Geistkraft befreit uns als Einzelne und als Kirchen dazu, Jesus nachzufolgen und am Bau von Gottes Reich, von Gottes herrschaftsfreier, lebensförderlicher Ordnung mit menschlichem Gesicht mitzuwirken. Dazu gehören die Mitwirkung am Aufbau einer neuen, dem Leben dienenden solidarischen Wirtschaftsweise, das Einüben von gewaltfreien Verhaltensweisen für Konfliktprävention und -therapie, die Vermeidung und Verminderung von Gewalt auf allen Ebenen von der Familie bis hin zu einer Weltfriedensordnung und ein Lebensstil, der ökologische und soziale Gerechtigkeit fördert. Wir suchen die Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit Menschen anderen und keinen Glaubens, die das Leben auch der geringsten Menschen und der gefährdeten Erde achten und fördern.

 

Wir bitten Gott im Namen Jesu um Geistkraft, uns an den wunderbaren Gaben der Schöpfung zu freuen, ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden zu führen und dafür zu kämpfen, dass es allen Menschen und der Erde zuteil wird.

 

Germete, 24.10.2009