Startseite ::
< Bericht über Friedenslauf 2005
24.10.05 00:03 Alter: 12 yrs
Kategorie: Texte

Die Mauern in den Köpfen überwinden

Vortrag von Viola Raheb im Rahmen der politischen Vortragsreihe „Grenzen – los“ In den friedens räumen Lindau


Ich freu mich, dass sie so zahlreich erschienen sind. Wenn ich mich umschaue, und den Blick auf dem Bodensee werfe, dann weiß ich nicht ob Sie bei so einem Blick sich auf dieses Thema konzentrieren können. Aber ich werde mir Mühe geben und hoffe, dass der Blick auf den Bodensee uns inspirieren kann, das Thema intensiver zu betrachten.

Zu meiner Person möchte ich nicht vielmehr sagen, als was angekündigt wurde. Vielleicht nur soviel, damit Sie auch besser einordnen können aus welcher Perspektive und welcher Position ich rede: Ich bin unter der Besatzung geboren und aufgewachsen, und das heißt, dass ich außer der Zeit, die ich im Ausland verbracht habe, das der Kontext ist, in dem ich geboren und aufgewachsen bin und in dem ich meine Erfahrungen gemacht habe. Grenzenlos heißt das Thema dieser Veranstaltungsreihe und ich komme aus einem Land der vielen Grenzen, vielleicht deshalb hat Israel –Palästina gut in diese Reihe gepasst. Ich komme aus einem Land in dem es viele sichtbare Grenzen gibt. Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen schon mal in der Region waren. Wer war schon in der Region? (Viele Leute melden sich) Also Insider-Gruppe. Wer durch das Land reist, wird manchmal nicht immer die sichtbaren Grenzen erkennen, z.B. wenn Sie vor Anfang der 90iger Jahre im Lande waren, ich nehme an, das waren viele,–dann ist es nicht unbedingt der Fall, dass Sie die sichtbaren Grenzen hätten erkennen können. Die sichtbaren Grenzen sind dort wo israelische Checkpoints vorhanden sind: An Straßenübergängen von Israel nach Palästina vor 1990 gewesen. Inzwischen sind diese sichtbaren Grenzen auch zwischen den palästinensischen Städten selbst vorhanden. Die sichtbaren Grenzen sind dort wo ein Militärfahrzeug an der Straße parkt und auf einmal eine mobile Straßensperre errichtet und Leute kontrolliert, die auf der Straße fahren oder laufen. Die sichtbaren Grenzen sind heute dort wo die Mauer gebaut wird, von der vorher die Rede war, die durch das ganze Lande von Norden bis Süden verläuft, die vielleicht sichtbar wird, wenn sie 8 Meter hoch ist, aber manchmal nicht so sehr sichtbar, wenn sie als elektronischer Zaun durch die palästinensischen Gebiet verläuft. Aber das sind die sichtbaren Grenzen, die sie erkennen können, wenn sie genauer hinschauen. Und die sind leicht überwindbar, weil sie sichtbar sind. Aber ich komme auch aus einem Land, das sehr viele unsichtbare Grenzen hat. Ich habe Gruppen geleitet in Israel-Palästina, Ende der 80iger und Anfang der 90iger Jahre und ich habe immer den Gruppen gesagt, sie sollen auf die unsichtbaren Grenzen achten. Die unsichtbaren Grenzen sind dort, wenn Sie auf die Dächer der Häuser in Israel-Palästina schauen, überall dort wo Sie Wasserbehälter auf den Dächern erkennen, ist Palästina und überall dort wo es keine Wasserbehälter auf den Dächern gibt, ist Israel. In Israel gibt es ein 24 Stunden Leitungswassersystem, das geöffnet ist, während die Palästinenser ein Wassersystem haben, das durch Israel kontrolliert wird und einmal alle paar Wochen aufgemacht wird. Und deshalb um die Zeit zu überbrücken, sind die Behälter auf den Dächern notwendig, um das Wasser anzusammeln für die Zeit wo die Leitung gesperrt ist, damit die Menschen Zugang zum Wasser haben können. Die unsichtbaren Grenzen sind dort, wenn Sie durch das Land fahren, und Sie auf einmal erkennen, dass es auf der einen Seite grüne Gegenden gibt und auf der anderen Seite kahle Gegenden. Nicht so sehr, weil die einen umweltfreundlich sind und die anderen nicht, sondern deshalb, weil für die einen Wasser zur Verfügung gestellt wird, um zu bewässern und für die anderen das Wasser nicht mal für das alltäglich Notwendige ausreicht. Die unsichtbaren Grenzen sind dort, wenn Sie durch das Land fahren und aufgrund der Farbe ihres Autokennzeichens erkannt werden, aufgehalten werden, zurückgewiesen werden. Die Israelis haben eigene Kennzeichen und wir haben andere, die schnell erkennen lassen, wer zu welcher Gruppe gehört. Die unsichtbaren Grenzen sind dort, wo Sie die hochmodernen gebauten Straßen sehen, die neben mickrigen kleinen Straßen erbaut werden. Während die einen modernen für die Siedler als Verbindungsstraßen zwischen den Siedlungen und dem Staat Israel als Verbindung dienen und auf denen nur Israelis fahren dürfen, sind die kleinen Straßen für die palästinensische Bevölkerung der einzige Weg sich in ihrem eigenen Land frei bewegen zu können. Ich kann bei diesen unsichtbaren Grenzen noch viel mehr benennen, aber dann würde ich den Abend damit bestreiten, was nicht der Sinn der Veranstaltung ist. Aber es gibt auch in dem Land, aus dem ich komme, nicht nur unsichtbare Grenzen sondern auch psychologische Grenzen, die in den Köpfen der Menschen auf beiden Seiten existieren. Ich glaube, dass man sagen kann, die Mehrheit der Israelis und Palästinenser gehen jeden Abend ins Bett mit der Hoffnung über Nacht werden die anderen verschwinden. Und sie wachen auf, um zu erkennen, dass es gar nicht der Fall war. Sie beschäftigen sich den Tag über wenig damit, bis sie wieder am Abend die Hoffnung in sich hegen, dass die anderen verschwinden mögen. Die psychologischen Grenzen auf beiden Seiten sind meiner Meinung nach am schwierigsten zu überwinden. Die sichtbaren Grenzen sind leicht zu überwinden, nicht nur weil sie erkennbar sind, sondern weil die Geschichte uns zeigt, dass auch die Berliner Mauer mit 4 m hoch , nicht auf Ewigkeit gebaut war. Und auch die unsichtbaren sind zu überwinden, wenn eine gerechte Lösung angestrebt wird. Die psychologischen Grenzen sind viel schwieriger zu überwinden, weil sie mit den Menschen zu tun haben. Und da sie eine Erziehungsarbeit brauchen, die Generationen dauert um überhaupt Hoffnung tragen zu können. Die psychologischen Grenzen in den Köpfen der Menschen auf beiden Seiten haben damit zu tun, dass erstens die Mehrheit der Israelis und Palästinenser sich als Mensch zu Mensch nicht kennen und dass die Mehrheit von ihnen keine persönlichen Erfahrungen mit dem anderen gemacht haben; sie kennen einander nur über einen dritten Weg, meistens über die Berichterstattung. Für die Mehrheit der Israelis sind Palästinenser Steine werfende Kinder oder potentielle Selbstmordattentäter, während für die Mehrheit der Palästinenser die Israelis hauptsächlich als Soldaten in Khakianzügen, die die Städte verwüsten und Tag für Tag das Leben der Menschen schwer machen, stehen. Die psychologischen Grenzen sind aber auch schwieriger, weil über Jahrzehnte hindurch der andere als der Feind im eigenen Kopf befestigt wurde. Und weil das eigene Leben und die eigene Zukunft in Negation mit dem anderen stattgefunden hat. Die psychologischen Grenzen sind schwierig in den Köpfen der Menschen, weil sie bis in die 90iger Jahre solche waren, die hauptsächlich davon geprägt waren, dass der gegenüberstehende ein Feind ist. Mit Beginn der Friedenverhandlungen Anfang der 90iger Jahre mit der Unterzeichnung des Olso I Abkommens 1993 wurde auf einmal der Feind zum Partner in Frieden. Doch die Entwicklungen seitdem waren im Widerspruch zu dem, was ein Partner im Frieden bedeuten kann, was diese psychologischen Grenzen noch vertieft. Ich sage immer, vielleicht erinnern sich einige von Ihnen, 1993 gab es Bildern von Palästinensern in den Medien, die mit Blumen auf die Soldaten zugegangen sind aus Freude, dass das Oslo-Abkommen unterschrieben wurde. Das war eine Aktion, die leicht durchzuführen war, weil bis dahin der gegenüberstehende der Feind war, der durch dieses Abkommen zum Partner geworden ist. Deshalb konnten die Menschen mit Freude auf diesen Gegenüberstehenden zugehen. Seit 1992 aber mit der Verschlechterung der Lebensbedingungen der Menschen und der Eskalation der politischen Lage mit der menschenentwürdigenden Entwicklung in den palästinensischen Städten ist es schwierig geworden, für die Leute Frieden mit diesem Partner zu verbinden. Es führte zu einer schizophrenen Haltung. Die psychologischen Grenzen sind sehr schwierig zu überwinden, weil in den letzten fünf Jahren seit Ausbruch der 2. Intifada soviel Hass und Leid auf beiden Seiten zugefügt wurde, wie kaum in den Jahrzehnten davor. Weil die Verbitterung auf beiden Seiten so hoch gestiegen ist, und weil der Wunsch nach dem Verschwinden der anderen immer größer geworden ist. Diese psychologischen Grenzen zu überwinden ist sehr schwierig. Wenn Sie sich dieses Bild verinnerlichen können, für einen Moment, dann werden sie vielleicht verstehen können, wie hoffnungslos im Moment die Situation in Israel-Palästina erscheint. Und wie ausweglos die Zukunftsperspektive für die jungen Generationen im Moment erscheint. Eine Situation, die die Mehrheit der Menschen auf beiden Seiten dahinbringt, über ihre eigene Zukunft in diesem Land sehr skeptisch nachzudenken, ob es überhaupt eine Zukunft in diesem Land geben kann. Und man muss es ertragen können, diese aussichtslose Situation auszuhalten. Weil nur wenn Sie diese Aussichtslosigkeit ertragen können, für ein paar Minuten, mehr verlange ich nicht von Ihnen, würden Sie vielleicht stückweise spüren können, wie es den Menschen dort tagtäglich ergeht. Und was es heißt, in so einem Kontext aufs Neue aufzuwachen und nicht zu wissen, ob was zu hoffen wäre. Es gibt viele Menschen die sagen, die Nachrichten aus Israel-Palästina sind sehr bedrückend. Wenn Sie aber genau dieses Bild im Inneren sich hervor rufen, dann werden Sie sehen, dass die Nachrichten aus Israel-Palästina eigentlich gar nicht so schlimm sind, wie sie hätten sein können aufgrund der Situation. Deshalb meine Hoffnung, was das Grenzenlose angeht, meine Hoffnung was die Überwindung dieser Grenzen angeht, liegt dort verankert, dass es immer noch Menschen gibt auf beiden Seiten, die den Punkt der Selbstzerstörung noch nicht erreicht haben. Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können, aber es gibt Menschen, die sich wundern, warum es zu Gewalt in Israel-Palästina kommt. Und ich wundere mich oft, wie wenig es an Gewalt in Israel –Palästina existiert aufgrund der vorhandenen Situation. Und die Tatsache, dass es Menschen gibt auf beiden Seiten, die in der Lage sind, noch ein menschliches Leben oder die Menschlichkeit im Leben beizubehalten, nicht nur im Blick auf den anderen, sondern auch im Blick auf sich selbst, ist ein Grund zu hoffen. In der Ankündigung war die Rede von Initiativen, die Hoffnung schenken. Und ich bin bei Initiativen immer sehr skeptisch, weil ich das Gefühl habe, vor allem in Deutschland – und ich mache in Deutschland Öffentlichkeitsarbeit seit über 15 Jahren – wenn man sich an ein Thema wie Israel-Palästina wagt, dass es so schwer verdaulich ist, dann möchte man am Ende einer Veranstaltung mit hoffnungsvollen Beispielen hinausgehen, die einem das Schlafen ermöglichen. Weil man vielleicht sich selbst auch damit tröstet, dass es solche Beispiele gibt. So einfach ist es aber nicht. Die Suche nach Initiativen, die Hoffnung geben, ist nicht so sehr die Frage nach der Suche von Initiativen von Israelis und Palästinensern, die gemeinsam etwas tun, denn das sind die wenigsten. Sondern die Suche muss nach Initiativen sein, die in den eigenen Reihen unter der eigenen Bevölkerung versucht mit den Verzweifelten zu arbeiten, den Menschen Hoffnung zu geben, dass es Alternativen gibt, dass es sich noch lohnt, aufzustehen, der Arbeit nachzugehen, in die Schule zu gehen, sich für einen anderen Morgen einzusetzen, nicht so sehr um des Anderen willen, sondern um seiner selbst willen. Deshalb die Hoffnungsträger für Überwindung der Grenzen, egal ob die sichtbaren, die unsichtbaren oder die psychologischen sind nicht so sehr die groß gefeierten Initiativen von Israelis und Palästinensern, die zusammen kommen, sei es in Genf mit der Unterstützung der Schweizer Regierung oder auf kleineren Ebenen zwischen Palästinensern und Israelis die irgendwelche gemeinsame Projekten organisieren, sondern vielmehr die Hoffnung ist in denen, die in den eigenen Reihen versuchen, entgegen dem Hauptstrom im Moment zu schwimmen, der den anderen entmenschlicht und somit die Legitimation der Gewalt gegenüber dem anderen freigibt. Die Hoffnung ist nicht so sehr auf Israelis und Palästinenser, die sich für eine Woche auf einer Insel außerhalb Israel-Palästinas, treffen und für eine Woche im 4-Sterne-Hotel gerne zusammen die Zeit verbringen und über Gott und die Welt diskutieren, aber die politische Situation ausser Diskussion lassen und dann wieder zurückzukehren. Sondern die Hoffnung ist in denen, die für ein Engagement, ein anderes Verständnis und eine andere Wahrnehmung riskieren, in den eigenen Reihen als Nestbeschmutzer, als nicht authentisch, als Verräter erklärt werden, weil sie eine andere Sicht des Konfliktes wagen. Aber die Hoffnung auf einer Veränderung oder Überwindung der Grenzen hat auch etwas mit der Außenwelt zu tun, hat auch etwas mit Ihnen zu tun, mit den Grenzen, die auch in Ihren Köpfen vorhanden sind, wenn Sie sich zu dem Thema Israel – Palästina begeben. Erst vor kurzem wurde eine Studie – ich frage nicht wie viele von Ihnen es gesehen haben – in England veröffentlich zum Thema Berichterstattung über Israel – Palästina. Wir haben immer gesagt, in der Berichterstattung wird ein bestimmtes Bild dieses Konfliktes vorgestellt. Es war immer schwierig das festzunageln. Jetzt gibt es eine Studie, die dem systematisch nachgegangen ist, die in den USA, in England und in Deutschland interessanterweise durchgeführt wurde über Fernsehen, Radio und geschriebene Presse. Was dabei herausgekommen ist, ist das die Medien Berichterstattung über diesen Konflikt eindeutig einseitig ist in allen 3 Ländern. Aber viel wichtiger als dass es einseitig ist – und das Einseitige macht mir persönlich nicht viel aus – viel wichtiger sind die Signale, die mit dieser Berichterstattung infiltriert werden, die zu mentalem Grenzbau - psychologischen Grenzbau in ihren Köpfen führen. U.a. wurde untersucht z.B. welche Begriffe werden in welchem Zusammenhang erklärt. Da taucht z.B. „Terrorist“ nur zu 100 Prozent auf, wenn es um Palästinenser geht. Es gibt kein einziges Beispiel, wo die Medien über eine israelische Aktion oder einer Person mit dem Begriff Terrorist berichtet haben. Oder Begriffe wie „blutiger Mord, Rache“ war auch nur einseitig, wenn es um Palästinenser geht. Allerdings wenn es um Reaktionen geht, dann war es einseitig nur, wenn es mit israelischen Aktionen zu tun hatte. Und diese infiltrierte Berichterstattung hat auch zur Folge, dass in den Köpfen der Zuhörer und Zuhörerinnen psychologische Grenzen gebaut werden, wenn sie sich an das Thema Israel-Palästina wagen, weil sie bereits mit einer definierten Brille an die Thematik herangehen. Deshalb die Grenzen in den Köpfen zu überwinden, ist nicht nur die Aufgabe der Israelis und Palästinenser, die dort leben, sondern die Grenzen in den Köpfen zu überwinden ist auch eine Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, der Völkergemeinschaft, die auch einen Erziehungsprozess nötig hat, um sich an dieses Thema anders zu wagen, um zu wagen, die präsentierte, fertige McDonalds-Berichterstattung in Frage zu stellen, nach Alternativinformationen zu suchen. wie z.B. was pax christi zum Thema Nahost anbietet mit der Nahostkommission pax christi. Weil ich am Anfang von der schönen Landschaft hinter mir sprach, möchte ich nicht durch meine Ausführungen – wenn ich Ihre Gesichter anschaue, will ich Sie nicht deprimieren, das ist nicht mein Ziel – aber ich möchte gerne, dass sie ein Stück nachempfinden können, was es heißt, heute in Palästina zu leben. Was es heißt, in so einem düsteren Bild dem Morgen zu begegnen, aber ich möchte Ihnen ein paar Beispiele geben, die hoffentlich etwas hoffungsvoller sind, was die Grenzen in den Köpfen und deren Überwindung angeht. Als ich als Schulrätin gearbeitet habe in Palästina bis 2002, hatten wir in den ersten 2 Jahren der 2. Intifada, die 2000 begonnen hat ganz schwierige Phasen gehabt, in Bethlehem, wo eine Zeit lang fast jeden Tag nach 17 Uhr stark bombardiert wurde. In dieser Zeit war es auch häufig der Fall, dass es unsere Städte- auch Bethlehem vom israelischen Militär wieder besetzt wurde, was eigentlich ein irreführendes Wort ist, weil sie wurden nie frei, um wieder besetzt zu sein – aber sei’s drum . Und unsere Schule in Bethlehem, die evangelisch-lutherische Schule in Bethlehem wurde 2002 im Frühjahr vom israelischen Militär als Militärstützpunkt eingenommen, die war neu erbaut, neu eröffnet, mit sehr viel Arbeit und Engagement und sehr viel wurde zerstört einfach aus Randalierung. Es hatte nicht mit Sicherheit zu tun, sondern man hat nicht nur die Türen zerschlagen, sondern auch die Kunstarbeiten der Schüler an den Wänden, was keine Sicherheitsgefahr darstellte. Und als am ersten Tag, nachdem das Militär abgezogen ist und wir uns entschieden, die Schüler doch zur Schule zubringen und ich zugesehen habe, wie die ca. 400 Schüler, alle vom Kindergarten bis zum Abitur, alle sich an die Arbeit gemacht haben, ihre Schule wieder aufzuräumen, mit sehr viel Phantasie die Zeichen der Gewalt so gut wie möglich zu überwinden, indem sie auch da, wo durch die Wand geschossen wurde, einfach drüber gemalt haben, habe ich gewusst, dass dieses Land eine Zukunft hat. Weil diese jungen Leute trotz der Erfahrung der Gewalt die Kraft aufbringen konnten, sich dafür einzusetzen, dass das Leben anders wird. Diese gleichen Schüler haben einen Brief an die israelischen Kinder geschrieben, indem sie sie dazu aufgerufen haben, dem Militär nicht die oberste Hand über ihre eigene Zukunft zu geben; nicht über ihre eigene und nicht über die der Kinder auf der anderen Seite. In ihrem Brief haben die Kinder dafür plädiert, dass sie ihre Kindheit erleben dürfen statt, dass sie ihnen Tag für Tag geraubt wird. Meine Hoffnung, dass eines Tages die verschiedenen Grenzen in Israel Palästina überwunden werden können, liegt daher weniger in der Politik als in die Lebenskraft solcher Kinder auf beiden Seiten, die trotz des politischen Wahnsinns ihren Glauben und die Hoffnung aber auch ihren Einsatz für einen andern Morgen nicht aufgeben.

Transskription des gesprochenen Vortragstextes