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08.02.08 21:56 Alter: 10 yrs
Kategorie: Texte

Rede zur Auszeichnung der „friedens-räume“ Lindau

Die friedens räume in Lindau waren 2007 Preisträger bei „Deutschland – Land der Ideen“


Ein „ausgewählter Ort“ – hier und heute – wahrlich und mit vollem Recht:

Eine spätklassizistische Villa mit mythologisch-antiken Malereianklängen innen, prächtig gelegen in einem großzügigen Park – ich möchte fast sagen „Hain“ – mit altem Baumbestand und sprossendem Grün, dahinter seewärts und mit jedem Schritt zunehmend das Blau des Bodensees, und je nach Wetterlage noch eine Überhöhung durch Berge und Luft.

Ein ausgewählter Ort am Rande Bayerns und zugleich Deutschlands. Aber ohne seinen Inhalt wäre er nur Idyll und Pracht, wie das viele andere Orte in Bayern und ganz Deutschland auch behaupten können.

Der Inhalt dieses Ortes umschreibt weniger eine handfeste Sammlung oder ein klassisches Museum als viel mehr einen schwingenden, flirrenden, jedenfalls nicht sofort greifbar-materiellen Begriff, dem trotzdem Körper und Ausdruck zu verleihen man gewagt hat, und das offensichtlich so überzeugend, dass eine bundesweite Aktion auf ihn aufmerksam wurde und beide, Ort und Inhalt, am heutigen Tage auszeichnet.

 

Dabei könnten die Romantiker unter uns jene Skizze von gerade eben mühelos um den Begriff „Frieden“ ergänzen und hätten damit die „friedliche Landschaft“, ein „Friedensidyll“ nach Art der Aquarellisten des 19. Jahrhunderts geschaffen.

Der Friede des Ortes und seiner Parklandschaft mag zwar die eingangs zitierte Ausgewähltheit noch verstärken, aber im Eigentlichen geht es um den menschlichen Frieden – oder sollte ich sagen „Frieden des Menschen“? – , also um jenes ureigenste Bedürfnis der Spezies Mensch im Gegensatz zur Tierwelt, wo das Gesetz des Stärkeren gilt. Aber schon an dieser Stelle könnte man nachdenklich werden: Unterscheiden wir uns da tatsächlich von der Kreatur, oder inwieweit gilt auf weite Strecken das Wort vom „homo homini lupus“?

 

Aber wir haben heute keinen Friedensnobelpreis zu verleihen bzw. entgegenzunehmen, und ich habe keine Ansprache zu Grundfragen menschlicher Koexistenz zu halten.

Auf der anderen Seite gestehe ich Ihnen, verehrte Damen und Herren, dass ich es nicht fertig bringe, als routinierter Museumsmann vor Sie hinzutreten und ein übliches Grußwort – übrigens keine Laudatio – zu halten, wie dies in vielen Fällen passend sein mag: eher unverbindlich, umso mehr lobend oder gar die Wichtigkeit des Redners herausstellend.

Also halte ich weder ein Grußwort noch eine Laudatio, sondern möchte lediglich zwei Gedanken vortragen, die bei näherer Betrachtung in einen zusammenschmelzen.

 

Die Lindauer Friedensräume nennen sich auch „Museum in Bewegung“.

Gerade vor wenigen Tagen erhielt ich unseren Pressedienst, also die Mappe mit den neuen Zeitungsartikeln zur Museumsarbeit, und da fiel mir der Titel auf: „Kunstsammlung in Bewegung“. Gerade Kunstsammlungen bewegen sich ja in der Regel nicht sonderlich, es sei denn, es geht um Vermehrung. Aber der erste Satz lenkte dann kräftig ein bzw. erweiterte stark auf das gesamte Museumsterrain und formulierte: „Lebendige Museen sind immer in Bewegung“. – Das, so würde ich sagen, kann man so stehen lassen.

Auch die Friedensräume sind in Bewegung, nicht nur, weil’s im Titel steht, auch nicht, weil sie schon seit Mai 2001 existieren, sondern weil sie tatsächlich „bewegen“ –  zunächst einmal etwas: ein Thema ganz allgemein, aber „bewegen“ auch im Sinne von „voranbringen“;

dann aber auch jemand: nämlich den Besucher, den Gast und Benützer, sofern er sich mit einem Grundinteresse nähert und nicht nur als Spaziergänger hereinschaut.

 

Bewegung im zwischenmenschlichen Bereich hat viel zu tun mit „Begegnung“.

Es gibt zahlreiche „Häuser der Begegnung“, aber eigentlich müssten alle Museen „Häuser der Begegnung“ heißen, noch besser sogar sein, geht es doch in jedem Fall um Begegnungen: vordergründig mit Kunstwerken und historischen Gegenständen, hintergründig um das Spüren und Erkennen menschlicher Kunstfertigkeit, geistiger und handwerklicher Leistung, Erfindergabe, insgesamt der Kulturtätigkeit des Menschen. Aber das ist nicht alles.

Seit geraumer Zeit und mit deutlicher Beschleunigung öffnen sich die Museen, sogar die konservativsten staatlichen, dem Besucher und bewegen sich soz. auf ihn zu – eine Selbstverständlichkeit, wie man meinen könnte, indessen noch lange nicht Allgemeingut in der Museumsszene.

Öffnung, Dialog und Kommunikation heißen die positiv besetzten Termini des Verhältnisses Museum und Besucher, die sowohl die Blickrichtung nach innen wie auch nach außen bezeichnen. So hat die Landesstelle etwa ihre Bayer. Museumstage von 1999 und 2001 unter das Motto gestellt: „Geöffnet! Das Museum für den Besucher“ bzw. „Im Dialog. Museumspädagogik für alle Besucher“.

Das Leitziel „Besucherorientierung“ gehört mittlerweile zu den zentralen Begriffen des Vokabulars der Museumswelt. Besucherorientierung beinhaltet die Änderung der Einstellung zu den Museumsbesuchern, die von geduldeten „Anstaltsbenutzern“ - hier spricht der selbstherrliche Museumsdirektor des tiefsten 19. Jahrhunderts –

zu umworbenen Kunden, sagen wir wertfreier „Gästen“, aufgestiegen sind.

 

Aber nicht allein eine sich etablierende und heute bewusster praktizierte  Museumspädagogik – übrigens ein nicht sehr glücklicher, weil bildungsbeflissen belegter, oft auf Schule, Kind und Jugendlichen eingeschränkter Begriff – sorgt für Öffnung und stellt Begegnung her. Ich möchte diese Bestrebungen mit vielen anderen Museumsleuten in das viel breitere Tätigkeitsfeld der Vermittlung einbetten.

 

Wie Sie alle wissen, gehört der Terminus „Vermitteln“ zu den klassischen vier Aufgaben sämtlicher Museumsarbeit, die da lauten: Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen/Vermitteln.

Manche Museen sammeln bevorzugt, andere bewahren in 1. Linie – treten also praktisch nach keiner Seite hervor, wieder andere glauben, im gesteigerten Ausstellen ihre Mission zu finden wie etwa das Münchner Stadtmuseum, andere definieren sich vorwiegend über Vermittlungsaktivitäten mit lebhaften Veranstaltungsprogrammen und Zielgruppenaktionen, etwa, wenn das zentrale Thema ein abstraktes  und dem entsprechend wenig originales Sammlungsmaterial vorhanden ist. Um ein solches Museum, eine solche Begegnungsstätte handelt es sich bei den Friedensräumen von Lindau - Bad Schachen.

Mag sein, dass es nach strengen museologischen Maßstäben in der Randzone der typischen Museen liegt, weil es vergleichsweise wenig originale, authentische Sammlungsstücke anbieten kann. Aber es bietet ungleich mehr Vermittlung innerhalb seiner Ausstellung, spannende ebenso wie witzig gemachte, ruhige ebenso wie interaktive, kindgemäße gleichermaßen wie hoch intellektuelle. Auge und Ohr, Geist und Gemüt werden angesprochen, nein, bewusst beansprucht und sind zur Auseinandersetzung mit dem Anliegen des Hauses aufgerufen.

Frage und Antwort, Diskussion, Impuls und Kenntnisaneignung zu einem originären Weltthema der Menschheit sind gewollt und methodische Grundlage des Museumskonzeptes. Insofern arbeitet das Haus hoch modern und dem Thema entsprechend konsequent. Ob nun dabei der Museumsbegriff vollgültig zutrifft oder nicht, darf getrost in den Hintergrund treten. Botschaft und Transport dieser Botschaft überzeugen.

Vielleicht meinten die „Macher“ dieser Räume, du, liebe Ruth und Sie, verehrter Herr Artner-Schedler, beim 2. Teil des Titels mit „Museum in Bewegung“ gar auch eine Bewegung im durchaus verkrusteten Museumsbegriff, wie mir auf einmal in den Sinn kam, also Museums-Begriff in Bewegung? (der Ruth Gschwendtner würde ich diese kleine Hintersinnigkeit durchaus zutrauen!)

 

Ich darf mit einer Formulierung des Landesstellenleiters York Langenstein bezüglich Vermittlungszielen zum Schluss kommen.

„Wenn von museumspädagogischer Arbeit – ich ergänze: und Vermittlung – die Rede ist, so ist der Zusammenhang mit den Möglichkeiten und Aufgaben der Museen in der modernen Gesellschaft unübersehbar.

Wenn der Internationale Museumsrat (ICOM) den Internationalen Museumstag 2000 unter das vielleicht etwas zu sehr nach Weltverbesserung klingende Motto „Museums for Peace and Harmony in Society“ gestellt hat, so wird damit nichtsdestoweniger ein durchaus ernst zu nehmender sozialpolitischer Auftrag formuliert. Tatsächlich gewinnen Museen als Orte der Begegnung und Verständigung unterschiedlicher sozialer Gruppen immer mehr an Gewicht.“  (Im Dialog. Publikation Bayer. Museumstag 2001, erschienen 2002, Geleitwort S. 8).

 

Die Friedensräume in Lindau, so scheint mir, leben dieses Motto – nicht nur einen Tag lang, sondern seit es sie gibt. Vermutlich auch deshalb bekommen sie heute diese hohe Auszeichnung, zu der ich Sie (jetzt groß geschrieben), das Team des Hauses und die Stadt Lindau als Hausherrin und Förderin namens der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen sehr herzlich beglückwünsche.