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08.02.08 22:00 Alter: 10 yrs
Kategorie: Erklärungen

Ostermarschrede 2007 von Jost Eschenburg

Redebeitrag zum Ostermarsch in Augsburg am Samstag, 07.04.2007 von Sprecher Jost Eschenburg


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Wir leben in einem Land, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das größte bis dahin ausdenkbare Unheil über unsern Kontinent gebracht hat. Ältere  Menschen, die diese Zeit miterlebten, haben uns von ihren damaligen Gefühlen erzählt. Wir Jüngeren, die wir das unverdiente Glück hatten, in der zweiten Jahrhunderthälfte aufzuwachsen,  mochten diese Erzählungen oft nicht hören; zu sehr rochen sie uns nach Rechtfertigung von etwas, das nicht zu rechtfertigen war. Inzwischen ist es uns  fast gelungen, zu verdrängen, auf welcher Seite unsere Eltern und Großeltern gestanden und gekämpft hatten, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Wir sind dabei, die wichtigste kollektive Erfahrung unseres Volkes zu vergessen, die Erfahrung der vollständigen Niederlage und Scham angesichts der abgrundtief bösen Taten des Staates, dem man treu bis in den Tod gedient hatte. Die Erfahrung, dass alle die großen patriotischen Gefühle der ersten Jahrhunderthälfte null und nichtig waren, nur durch ein teuflisches Blendwerk hervorgerufen. Diese Erfahrung hat uns immerhin die längste Friedenszeit der Geschichte beschert. "Nie wieder Faschischmus! Nie wieder Krieg!"  

Doch heute hat sich der Gedanke des Krieges längst wieder in die Köpfe und Herzen der Menschen hineingefressen. Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts und der Wiedervereinigung ist die Schonzeit auch für uns Deutsche vorbei. In Afghanistan helfen wir jetzt dabei, die Bombenziele auszusuchen: "Eine Verbesserung  der Aufklärung steigert die Effizienz der ISAF Stabilisierungs- und  Sicherungsoperationen." (Hartwig Fischer, CDU). Die USA geben über 500 Mrd.  Dollar jährlich für das Militär aus, knapp die Hälfte der weltweiten Militärausgaben; damit kann man schon etwas machen. Krieg ist das effektivste Mittel zur Durchsetzung politischer Absichten!  

Die Kriegsgründe können beliebig absurd sein: Bin Laden, der von der afghanisten Wüste aus die Twin Towers zum Einsturz bringt, Saddam Hussein, der im Wüstensand  Massenvernichtungswaffen versteckt, die Palästinenser, die man aushungert, ihr Land wegnimmt und ihre Häuser und ihr Elektrizitätswerk zerstört, damit sie friedlich werden, der Libanon, dessen Wohnhäuser, Brücken und zivile Einrichtungen man zerbombt, damit die Hisbollah gefangene israelische Soldaten frei lässt, und nun Ahmadinedschad, der nie ein Land angegriffen oder militärisch bedroht hat, der von der IAEO kontrolliert wird, keine Massenvernichtungswaffen besitzt, sagt, dass er keine haben will, der aber vielleicht doch irgendwann welche haben könnte - es bedarf heute keines finsteren Lügengenies wie Joseph Goebbels mehr, um Kriege vorzubereiten. Wie unsinnig die Argumente auch sind, die wirkliche Sprache sprechen die Waffen, und die Menschen im Westen beugen sich der Sprache der Gewalt.

Wir, die wir um die Abgründe unserer Geschichte wissen und die wir fest daran glauben, dass das Leben etwas anderes ist als Angst, gegenseitige Zerstörung und Tod, - welche Konsequenz sollen wir daraus ziehen? Wir müssen Nein sagen, ein klares Nein zu einer Politik, die wieder über Leichen geht und die eigenen politischen Ziele mit allen Mitteln rücksichtslos durchsetzt. Mit keinem Quäntchen unseres Herzens sollten wir dieser Politik Vertrauen entgegenbringen, auch dann nicht,  wenn sie von Verteidigung von Menschenrechten redet.  

Aber es genügt nicht, Nein zu sagen. Wir brauchen eine eigene Vision, ein eigenes Bild vom Leben und vom Frieden, wenn wir gegen die Kriegspropaganda bestehen wollen. Die Welt ist voll von Konflikten; wie sollen wir damit umzugehen? Was ist unsere Alternative? Am Anfang muss das Eingeständnis stehen, dass wir kaum fähig sind unsere eigenen Probleme zu lösen und erst recht keine Lösungen für die Konflikte in anderen Weltgegenden anzubieten haben.

Die müssen vor Ort gelöst werden, und Ausländer können einen solchen Prozess höchstens anregen und begleiten, aber nicht diktieren. Sie könnnen zum Schutz bedrohter Personen oder Gruppen beitragen, aber nur, wenn sie nicht ihrerseits wieder als Bedrohung wahrgenommen werden. So arbeiten gewaltfreie Gruppen. Natürlich sind sie nicht "allmächtig". Nonviolent Peaceforce z.B. konnte in Sri Lanka nicht den erneuten Ausbruch des Bürgerkriegs verhindern, aber sie können Menschen  Schutz gewähren, Kontakte nutzen, Gesprächsfäden wiederanknüpfen.

Wie steht es denn überhaupt mit der "Allmacht"? Jesus ist nach christlichem Verständnis nicht den Weg gegangen, seine Landsleute militärisch zu schützen und die römische Besatzung zu zerschmettern. Er ging den Weg ans Kreuz.

Der Weg von Jesus ist die Gewaltfreiheit. Nicht wegsehen, das Böse wahrnehmen, sich ihm entgegen stellen, aber nicht mit den Mitteln des Bösen, sondern das Böse mit dem Guten bekämpfen. Der Kampf zwischen Gut und Böse findet nicht zwischen den "Guten" und den "Bösen" statt, sondern in den Herzen der Menschen, auch in unserem eigenen Herzen; die Muslime nennen ihn den "großen Jihad". Der Weg der Gewaltfreiheit stärkt das Gute in unseren eigenen Herzen und in denen unserer Gegner, auch der Übeltäter. Er beruht auf dem Wissen, dass die Unterschiede zwischen den Menschen so groß nicht sind; die "Terroristen" und die "Feinde" sind keine andere Gattung, sondern von ähnlichen Gefühlen und Widersprüchen geplagt und zerrissen wie wir.

Die Übeltäter sind nicht so übel und die Guten nicht so gut, wie uns die Propaganda glauben machen möchte, und zu den furchtbaren Gewaltexzessen, zu denen es im Laufe der Geschichte, besonders der jüngsten, immer wieder gekommen ist, sind wir alle fähig. In der Zeit der Nachrüstung zum Beispiel fand die große Mehrheit unserer Landsleute in Westdeutschland die Aufstellung der Pershing-Raketen in Ordnung; sie waren im Prinzip damit einverstanden, dass im Falle eines sowjetischen Angriffs sämtliche Einwohner Moskaus in einem Augenblick durch einen Atomblitz verschmort worden wären. Da kommt selbst Auschwitz nicht mit. Wir sind alle durchdrungen von Gewalttätigkeit in vielerlei Form. Gewaltfreiheit muss deshalb immer bei uns selbst anfangen.

Am 11. September 2006 haben wir eine denkwürdigen Jahrestag begangen: Nicht den 11.9.2001, sondern den 11.9.1906: Gandhi und seine indischen Mitstreiter verpflichten sich in Johannisburg öffentlich zur Gewaltfreiheit im Kampf  gegen die Unterdrückung durch die weiße Regierung in Südafrika. Vor 25 Jahren hat Pax Christi USA dieses Vorbild aufgegriffen und für sich selbst ein ähnliches Gelübde formuliert. Sie können sich ein Exemplar davon mitnehmen; vielleicht kann es uns stärken. Es beginnt mit dem Streben nach Frieden in uns selbst und endet mit dem Versprechen, sich aktiv dem Bösen zu widersetzen und gewaltfrei daran zu arbeiten, Krieg und seine Ursachen aus dem eigenen Herzen und dem Antlitz der Erde zu tilgen.  

Es geht nicht um einen Frieden der Selbstgenügsamkeit, sondern um einen Frieden, der geteilt wird, im Kleinen und im Großen. Gandhi schreibt am Ende seiner Autobiographie: "Wer meint, dass Religion und Politik nichts miteinander zu tun haben, der versteht nichts von Religion."

Vielen Dank.