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15.06.10 05:09 Alter: 7 yrs
Kategorie: Berichte
Von: Dr. Jost Eschenburg

Reisebericht

pax christi Solidaritäts- und Begegnungsreise vom 23.5. - 3.6.2010


                                         „Justice“ oder „Just Us“?

Eine Reise von Pax Christi Augsburg nach Palästina und Israel vom 23.5.-3.6.

Es ist eine Reise der Begegnungen. Am Jaffator in Jerusalem begegnen wir unserem alten Freund Reuven. Er steckt voll von Geschichten und jiddischen Witzen. „Zwei Juden fahren in der Eisenbahn. An der ersten Station fängt der eine an zu jammern und zu klagen, und an der zweiten und an der dritten Haltestelle jammert er noch mehr. `Warum jammerst Du denn so?' fragt ihn der andere. 'Ach, mit jeder Station komme ich weiter weg von meinem Ziel. Ich fahre in die falsche Richtung!' `Warum steigst du dann nicht aus?' `Aber ich habe doch einen so schönen Sitzplatz!' “ 

Der falsche Zug – sollte damit die israelische Politik gemeint sein? Es ist der Tag nach dem israelischen Angriff auf die sechs Schiffe, die die Blockade von Gaza durchbrechen wollten. Reuven ist von den Ereignissen tief erschüttert, spricht sogar von Mord. Zwei Tage später erzählt uns Mosche, ein anderer Freund aus Israel, eine andere Version: Die israelischen Soldaten hätten sich einzeln vom Hubschrauber abgeseilt und seien einzeln mit Stangen angegriffen worden. Auch bei dieser Version bleibt die Diskrepanz Militär gegen Zivilpersonen, Schusswaffen gegen Stangen, nachts um Vier auf hoher See in internationalen Gewässern. Und wer gibt Israel das Recht, aus dem Gazastreifen ein Gefängnis zu machen? 

Am Freitag zuvor haben wir selbst einen Vorgeschmack davon bekommen, wie schnell es in diesem Land zu Gewalttätigkeiten kommt. Wir besuchen den kleinen Ort Bilin in der Westbank. Er liegt nahe an den Sperranlagen; gut die Hälfte des zum Ort gehörigen Bauernlandes wurde dafür entschädigungslos enteignet. Der ganze Ort kämpft um die Rückgabe seines Besitzes. Seit 5 Jahren findet deshalb jeden Freitag nach dem muslimischen Mittagsgebet eine Demonstration statt. Ein Teilerfolg wurde bereits auf juristischem Wege erzielt; die Mauer soll zurückverlegt und ein Drittel des enteigneten Landes zurückgegeben werden. Aber die Menschen sind damit noch nicht zufrieden. An diesem Freitag ist unsere 17-köpfige Gruppe von Pax Christi Augsburg,  zwischen 15 und 70 Jahre alt, mit dabei. Auch andere „Internationale“ nehmen teil, dazu nicht wenige  Israelis. Wir sollen uns besser ganz hinten halten, wird uns gesagt. Viele Kinder und Jugendliche ziehen mit. Die Stimmung ist fröhlich, trotz des ernsten Hintergrundes. Der Bruder des Organisators sitzt seit 11 Monaten ohne Anklage in einem israelischen Gefängnis. Wir heben Plakate hoch, die seine Freilassung fordern. Von einer kleinen Anhöhe können wir sehen, wie die ersten in dem Zug das Tor im Sperrzaun erreichen. Plötzlich ein Ton wie von einer Silvester-Rakete, dann gleich noch einmal. Ein weißer Rauch steigt vorne auf: Tränengas. Alles weicht zurück, ein paar Steine fliegen. Einige israelische Soldaten kommen durch das Tor auf uns zu. Weitere Tränengas-Geschosse, diesmal schon näher bei uns. Der Wind treibt das Gas auf uns zu; es brennt in Nase und Augen. Man soll nicht reiben. Wir bringen uns schnell in Sicherheit. Später hören wir, dass zwei Teilnehmer der Demonstration durch die Tränengasgeschosse verletzt wurden. Drei wurden von den Soldaten festgenommen. Es sollen israelische Friedensaktivisten sein. Sie sind hoffentlich bald frei gekommen; Palästinenser dagegen können beliebig lange festgehalten werden. Es läuft jedes Mal so, wird uns gesagt. Diesmal ging es besonders schnell. 

Gewalt geht nicht nur von Tränengas und Schusswaffen aus. Die „strukturelle Gewalt“ ist hier allgegenwärtig. Sie manifestiert sich in den israelischen Siedlungen, die wie Zwingburgen auf den Hügelkuppen mitten im besetzten Westjordanland hocken und einen guten Teil des knappen palästinensischen Wassers verbrauchen. Am stärksten manifestiert sie sich in den Sperranlagen selbst. In Bethlehem, wo wir bei Gastfamilien wohnen, ragen sie als eine zehn Meter hohe Mauer in den Himmel, hässlich, zerstörerisch, allgegenwärtig, unüberwindbar. Die Mauer schneidet durch früher belebte Straßen und entvölkert sie. Vor 2002 gut gehende Läden und Restaurants sind geschlossen oder verlassen, die Häuser und Grundstücke sind nichts mehr wert. Nachbarschaften wurden in unerreichbare Orte verwandelt. Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und Moscheen sind nicht mehr zugänglich. Die Mauer trennt Palästinenser von Palästinensern und von Israelis. Früher gewachsene Freundschaften sind zerbrochen. 

Claire zum Beispiel. Ihr Haus ist von drei Seiten unmittelbar von der Mauer umgeben. Es liegt nahe am Grab der biblischen Rahel, der zweiten Frau Jakobs. Das Haus beherbergt einen kleinen Laden; früher war dies ein sehr guter Platz. Aber die Israelis beschlossen nach 2002, diesen Ort allein für sich zu reklamieren, obwohl Rahel auch für Christen und Muslime von Bedeutung ist, und jetzt trennt die Mauer das Rahel-Grab von Bethlehem ab. Seitdem sieht es bei Claire aus wie in einem verlassenen Industriegelände mit hoher Brandschutzmauer. 

Die Mauer kann keine Terroranschläge verhindern. Noch immer schaffen es viele Palästinenser, die Mauer zu umgehen oder zu überwinden, um (ohne Passierschein) in Israel zu arbeiten. Was diesen Menschen gelingt, ist für einen zu allem entschlossenen Terroristen erst recht kein Problem. Die Wirkung der Mauer ist vielmehr, die Kommunikation zu unterbinden, mit einschneidenden Folgen für das wirtschaftliche und private Leben.  Wir sehen es mit eigenen Augen, nicht nur in Bethlehem, sondern auch in Ostjerusalem. Ein Freund vom israelischen Komitee gegen Hauszerstörungen führt uns. Er erklärt uns den Verlauf der Mauer und ihre Wirkungen. Israel will das Land, aber nicht die Menschen darauf, und entsprechend ist der Verlauf der Mauer konzipiert: Unbebaute Flächen einschließend, palästinensische Ortschaften möglichst ausschließend. Die Mauer hat auch erwünschte Nebenwirkungen. Manche Palästinenser bekommen nur dann einen dringend benötigten Passierschein, wenn sie mit dem Inlandsgeheimdienst zusammenarbeiten; so kann ein Spitzelsystem aufgebaut werden. Die Palästinenser in Ostjerusalem haben noch andere Probleme. Die Infrastruktur in ihren Stadtteilen wird vernachlässigt, und trotz ihrer wachsenden Familien bekommen sie seit Jahrzehnten keine Baugenehmigungen. Häufig wird deshalb illegal gebaut. Dafür werden hohe Geldstrafen fällig, und außerdem kann das Haus jederzeit behördlich zerstört werden. Dies geschieht in Ostjerusalem etwa zweimal pro Woche. Das Komitee gegen Hauszerstörungen versucht, dagegen vorzugehen, aber sehr oft kommen sie zu spät. 

Wir sprechen im Laufe unseres Aufenthaltes mit vielen Organisationen. Besonders berührt hat uns  das Gespräch mit dem Palästineser Mazen von „Parents Circle“, einem Zusammenschluss von Palästinensern und Israelis, die in diesem Konflikt Angehörige, besonders Kinder verloren haben und sich als Konsequenz dieses Verlustes zusammenschließen und zusammenarbeiten, statt Feindschaft zu pflegen. Sein Schlusswort wirft ein besonderes Schlaglicht auf den ganzen Konflikt und seine angeblichen Unlösbarkeit: Es sei ein großer Unterschied zwischen „justice“ (Gerechtigkeit) und „just us“ (nur wir).

 

Jost Eschenburg

Pax Christi Augsburg