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08.02.08 22:09 Alter: 10 yrs
Kategorie: Berichte

Portrait der Bistumsstelle Augsburg

Artikel in der pax Zeit


Friedensarbeit fest verankert - Seit 1555 ist Augsburg eine Stadt des Friedens

 

Augsburger ReligionsfriedenIn Augsburg vollzog sich 1555 die Spaltung der Konfessionen. 1518 wurde Martin Luther hier verhört und musste die Stadt heimlich verlassen um der Verhaftung zu entgehen. Mit dem Augsburger Bekenntnis (Confessio Augustana) wurden ebenfalls in Augsburg 1530 die bis heute verbindlichen Grundsätze der evangelischen Lehre formuliert.  

Am 25. September 1555 wurde mit dem Augsburger Religionsfrieden (Pax Augustana) eines der wichtigsten Grundgesetze des Alten Reichs verabschiedet. So wurde das evangelisch-lutherische Bekenntnis zugelassen und erstmals die Koexistenz zweier unterschiedlicher Glaubensrichtungen im Heiligen Römischen Reich anerkannt. Den Fürsten und Territorialherren wurde das Recht zugebilligt, für sich und ihre Untertanen über die Konfessionen zu entscheiden.

Im Bewusstsein der historischen Tatsache, dass sich mit Augsburg einerseits die Spaltung, andererseits aber auch die friedliche Zusammenführung der Konfessionen verbindet, begreift sich die Stadt Augsburg als Friedensstadt und begeht jährlich das Hohe Augsburger Friedensfest.

 

Portrait der Bistumsstelle Augsburg        von Monika Graef

 

Die pax christi Bistumsstelle Augsburg.

Im pax christi Büro in Augsburg traf ich drei Vorstandsmitglieder und eine junge Praktikantin beim Endspurt der Vorbereitungen für den 2. Interreligiösen Augsburger Friedenslauf am 18. Juli.

Laufpläne wurden markiert und kopiert. Doch es lag keine Hektik in der Luft. Das Team ist aktionserfahren. Christian Arnte-Scheler leitet nun bereits seit 20 Jahren die hauptamtliche Friedensarbeit. Und das ist eine lange erfahrungsreiche Zeit. Begonnen hatte alles, so wurde mir erzählt, mit Versöhnungsreisen in die Sowjetunion in den 90iger Jahren. Damals, während der Gorbatschow-Zeit, gab es erste Aufbrüche der Entspannung zwischen Ost und West. Aus diesem Anlass wurden auch in Augsburg Treffen von Kriegsdienstverweigerern und Besuchern aus der Sowjetunion organisiert.

In den folgenden Jahren gab es dann immer wieder neue Schwerpunktthemen. Aktionen zum Gedenken an 500 Jahre Unterdrückung in Lateinamerika, Kurse zur gewaltfreien Aktion, der Kunst des Streitschlichtens, Einsatz gegen den Krieg in Jugoslawien und vor allem die Palästinaarbeit.

 

Es gibt enge Verbindungen der Bistumsstelle zum Leiter des Internationalen Zentrums Pfarrer Dr. Mitri Raheb in Bethlehem. Auch in diesem Jahr wird pax christi Augsburg die Aktion „Scherbenengel“ zu Gunsten des Zentrums unterstützen.

Diese Engel sind aus Glas gemacht, und zwar aus Scherben weggeworfener Flaschen und aus Glassplittern von Fenstern, die bei der israelischen Invasion von Bethlehem zerstört wurden. Im Schutt gefunden, von den Notleidenden der Region gesammelt und zu kleinen Kunstwerken verarbeitet, so liegen sie  vor uns und warten darauf, bei der weihnachtlichen Aktion verkauft zu werden. Stücke der Zerbrechlichkeit und der Verwundbarkeit unserer Welt. Mich rühren diese Engel an, sie erinnern einfach an die Menschwerdung unseres Gottes in dem Kind, dessen Botschaft voll Gerechtigkeit und Frieden ist.

 

So fühlen sich die Augsburger nun auch verpflichtet eine neue Sachgruppe "Interreligiöser Friedensdialog" zu gründen. Denn seit der Gründung, so sagen sie mir, hat pax christi die Aufgabe, in den aktuellen Konfliktfel­dern für Verständigung und Versöhnung zu arbeiten.

Seit der Ausrufung des "Kriegs gegen den Terror" steht der Islam im Zentrum der Kritik und der Auseinandersetzung mit den westlichen Gesell­schaften.

Die Versöhnung unter den Religionen, ist das ureigenste Anliegen von pax christi als religiöse Friedensgruppe. So hofft man, auch im Islam den Willen zum Frieden, Toleranz, Dialogbereitschaft und die Möglichkeit von freundschaftlichem Nebeneinander zu finden. Die neue Sachgruppe soll die Arbeit in dieser Richtung koordinieren und weiter vo­rantreiben.

Man glaubt, dass in jeder Religion der Friedensgedanke zutiefst verwurzelt ist und ruft deshalb immer wieder zum Interreligiösen Gebet auf.

 

Der Interreligiöse Friedenslauf findet in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal statt. Vor zwei Jahren beim ersten Lauf nahmen 3000 Schüler teil und es kamen 38000,- € für die Projektarbeit zusammen. Auch für 2007 ist man sehr zuversichtlich, dass die Projekte in Bethlehem und Birzeit, sowie der ZFD und die friedens räume in Lindau wieder gut unterstützt werden. Besonders stolz ist man darauf, dass man den Oberbürgermeister, den Imam, den Rabbiner und Vertreter der katholischen sowie der protestantischen Kirche von Augsburg als Schirmherren für diese Großveranstaltung gewinnen konnte.

 

Neben den großen Aktionen zu überregionalen Themen bringen sich die Augsburger natürlich auch bei regionalen Festen und Ereignissen mit ein. Es sind gute Möglichkeiten für die Bistumsstelle, das Thema Frieden öffentlich zu machen. So werden zur Augsburger Ulrichs-Woche auch ganz bewusst die Muslime eingeladen sich an der Gestaltung des Gottesdienstes zu beteiligen.

Für die geistliche Erneuerung treffen sich die Mitglieder einmal im Quartal zu einem Friedensgottesdienst in der KHG und zu einem jährlichen Einkehrtag mit ihrem Geistlichen Beirat Siegfried Fackler. Er begleitet die Augsburger bereits seit sieben Jahren und wird sehr geschätzt.

 

Einmal im Monat trifft man sich zur Vorstandssitzung im Ottmarsgäßchen. Dort hat pax christi unter dem Dach eines kirchlichen Hauses mehrere Räume. Dadurch ergibt sich von selbst, dass auch  mit dem Frauenbund und Kolping zusammen gearbeitet wird. Diese kath. Verbände haben jedoch weit größere Mitgliederzahlen und auch ein größeres finanzielles Polster. Pax christi bekommt im Gegenzug immer wieder Anerkennung dafür, wie viel sie mit wenigen Mitteln schaffen können.

 

Am Abend, nach der Vorstandssitzung gingen Christian und ich noch zum Dom, um die Strecke für den Friedenlauf zu inspizieren. Bei der Gelegenheit zeigte er mir auch das Denkmal des Priesters Max Josef Metzger, der 1944 von den Nazis wegen seines Einsatzes für den Frieden hingerichtet wurde. Jedes Jahr gedenkt pax christi seiner am Todestag.

Gute Beziehungen pflegt die BS auch zum Bischof. Immer wieder wendet man sich an ihn und kommt ins Gespräch. Ein besonderes Erlebnis ist es auch, wenn Bischof Dr. Walter Mixa Leute von pax christi zum Gottesdienst in seine private Kapelle einlädt. Er freut sich dann, dass die geübten Sänger die lateinischen Messgesänge gut mitsingen können, und pax christi Aktivisten staunen, dass sogar der Hund des Bischofs der Messe beiwohnen darf.

 

Auf besonderen Wunsch möchte ich noch betonen, wie sehr man bei pax christi in Augsburg dankbar ist für die schon jahrelang anhaltende finanzielle Unterstützung durch einzelne Mitglieder. Die ganze Arbeit wäre nicht möglich, wenn es nicht diese Selbstverpflichtungen gäbe. Mehr als 70 Spendenbausteine bestehen, aus denen die zwei hauptamtlichen Stellen finanziert werden. Alle anderen arbeiten ehrenamtlich.

Es gibt mehrere Basis- und Sachgruppen die sich vielfältig einsetzen. Ein Grund zur Freude ist auch der Priesterkreis. Denn man fühlt sich ganz bewusst als christliche Vereinigung, wobei die Kontakte zur evangelischen Kirche nicht nur eng, sondern übergreifend sind. So wie die Kirchen beider Konfessionen in der Stadt Wand an Wand stehen und aufeinander angewiesen sind.

 

Die friedens räume in Lindau gehören neben weiteren Basis- und Sachgruppen zur Bistumsstelle Augsburg. Sie sind das bedeutendste Projekt und ich möchte es gern vorstellen.

 

Wie schön Frieden sein kann

 

Lindaus Hafeneinfahrt wirkt auf mich wie ein Bild der Sehnsucht: Sehnsucht nach dem Hafen, in dem Frieden und Gerechtigkeit wohnen. Das Friedensmuseum der Bistumsstelle Augsburg liegt zwar nicht direkt auf der Insel Lindau, sondern im Ortsteil Bad Schachen, aber dieses Gefühl an einem guten Ort zu sein, wo Frieden eine Heimat hat, kann man hier erfahren.

 

Phantastisch: hier in den Friedensräumen der Villa Linderhof kann der Besucher, die Besucherin unter kristallenen Kronleuchtern im Jugendstilzimmer sitzen, auf die Parkanlage und den Bodensee schauen und dabei Georg Friedrich Händels berühmter Feuerwerksmusik lauschen. Sie ist deshalb hier zu hören, weil sie, neben anderen bekannten Musikstücken, zu den musikalischen Werken gehört, die sich dem Friedensthema widmen.

So kann man auf den See schauen, an den Zauber eines Feuerwerkes denken und darüber nachsinnen, was die Menschen früher bewegt hat bei Kriegsängsten und bei der Sehnsucht nach Frieden. Diese Gefühle wurden sehr vielfältig von großen Komponisten erfahrbar und hörbar gemacht durch Musikwerke, die eine Friedensbotschaft in sich tragen. Es war üblich, dass Könige und andere Machthaber nach entbehrungsreichen Kriegszeiten einen musikalischen Dank zur Feier ihres kriegerischen Erfolges in Auftrag gaben, wenn es endlich zum Friedensschluss gekommen war.

Georg Friedrich Händel prägte sich in das Gedächtnis seiner Zeitgenossen und auch der Nachwelt ein mit seiner viel gespielten Feuerwerksmusik (1749), die im Anschluss an den Frieden von Aachen (1748) komponiert wurde. Dies und mehr kann man beim Hören erfahren.

 

Die Villa Linderhof wurde als Landsitz vom Industriellen-Ehepaar Anna und Friedrich Gruber in den Jahren 1842 bis 1846 im Schinkel-Stil erbaut.  Die spätklassizistische Außenfront der Villa und die reich ornamentierte Wandgestaltung im Inneren überraschen.  Ranken und Malereien im pompejanischen Stil mit Abbildungen aus der griechischen Götterwelt und ein edler Holzintarsienboden begleiten den Besucher von Raum zu Raum. Die großzügigen Fenster gewähren einen herrlichen Ausblick auf den See und die Parkanlage, der im Stil eines Englischen Gartens angelegt ist. Hier kann man die Lindenallee entlang spazieren, die zur Erinnerung an den Sieg von 1871 als Friedens-Allee gepflanzt wurde.

 

 

In diesem eindrucksvollen Bauwerk befindet sich das Friedensmuseum der pax christi Bistumstelle Augsburg, die so genannten friedens räume. Die BesucherInnen werden dort eingeladen, nicht Dokumente anzuschauen, sondern sich auf verschiedene Weise mit dem Frieden auseinander zu setzen. Die Ausstellung will für den Frieden sensibilisieren und zur persönlichen Stellungnahme und zum Handeln ermutigen. Es geht um den Wert von Frieden im Großen wie im Kleinen und um den Umgang mit Gewalt und Aggressionen. Dies kann besonders für die Friedenserziehung in Schulen fruchtbar gemacht werden.

So kann ein Besucher, eine Besucherin z.B. versuchen an Hand von fotografierten Augenpartien Menschen zu erkennen, die sich engagiert für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen oder eingesetzt haben. Es ist wirklich nicht leicht Astrid Lindgren und Sophie Scholl, oder Martin Luther King und den Dalai Lama zu erkennen. Doch schließlich kann jeder nachschauen; die Konterfeis erweisen sich nämlich als Schubladen, die man herausziehen kann, um so weiteres über die Personen und deren Engagement zu erfahren.

 

Das eindrucksvolle Gesamtkonzept der Ausstellung wurde 2001 von pax christi Augsburg in Zusammenarbeit mit der Konzeptkünstlerin Ruth Gschwendter neu erstellt. Damit existiert heute in Lindau eine anerkannte interkulturelle und interre­ligiöse Stätte für Austausch und Begegnung, in der Frieden Raum hat und individuell erlebt, erfahren und erlernt werden kann. Diese hohe Leistung bedeutet auch Verpflichtung. So wird die Ausstellung  immer wieder umgestaltet und überarbeitet. Das zeigt auch, dass Friede nicht selbstverständlich und auch nicht statisch ist. Er braucht einen Ort, wo er thematisiert, diskutiert und trainiert werden kann.

So ist neben der ständigen Friedensausstellung die Veranstaltungsreihe eine Hauptaufgabe der Arbeit des Hauses. Das vielfältige Programm umfasst alle Bereiche, die zur Auseinander­setzung mit dem Thema Frieden und zum Engagement für Frieden anregen. Die Veranstaltungen finden in dem wunderschönen Saal der Linderhofvilla statt.

In diesem Jahr gab und gibt es ein reichhaltiges Angebot: Frau Dr. Verena Kast sprach zum Thema Versöhnung, es fand die Preisverleihung „365 Orte im Land der Ideen“ an die friedensräume statt, es ging um die Kinder- und Jugendarbeit der Stiftung „Wings of Hope Deutschland“, um die Nachtigall von Hans Christian Andersen, um das Leben auf beiden Seiten der Mauer in Palästina, um Christentum und Islam, Texte und Töne der Quechua-Indianer und vieles mehr.

 

All dies ist natürlich nur möglich, da hinter dieser Arbeit ein großer Freundeskreis steht, der sich aktiv an der Arbeit beteiligt und dafür sorgt, dass das Museum auch regelmäßig geöffnet sein kann, gewartet und gepflegt wird. Es gibt über 40 ehrenamtlich tätige Mitarbeiter.

Bei meinem Besuch war Klaus Dick, ein pensionierter Pädagoge für die Aufsicht und Information zuständig. Ihm ist es ein Anliegen, den Einzelbesuchern das Museum nahe zu bringen und Hilfestellung zu geben.

Hannelore Deiringer ist seit 20 Jahren Leiterin der Basisgruppe Lindau, der das Museum unterstellt ist. Ihr Mann kümmert sich um die vielfältigen Aufgaben der Haustechnik.

Die Führungen mit den zahlreichen Schulklassen und Gruppen übernimmt Cornelia Speth. Sie ist Sozialpädagogin und hat für die Koordination und die Führungen eine Teilzeitstelle.

 

Unterstützt wird das Museum großzügig von der Stadt Lindau. Es fallen keine hohen Mietkosten an. Selbst die Hinweisschilder an allen Kreisverkehren und Straßenkreuzungen sind professionell.

Es ist nur zu hoffen, dass die im „Paradiesgarten“ vor dem Museum eingesteckten Pflanzschilder, die so bezeichnende Namen wie u. a. Wutknolle, Stechbilse, Zorngras oder Giernuss haben, keinen Samen in sich tragen. Mögen sie allein dem Nachsinnen über die Ursachen von Unfriedens dienen.

 

Für alle Fälle kann man sich einen Segen mitnehmen, das heißt, wenn man es schafft die Schale mit dem Wasser so zu reiben, dass die Flüssigkeit anfängt zu vibrieren und zu sprühen.

das Mögliche entsteht,

muss immer wieder

das Unmögliche versucht werden.          Hermann Hesse

 

 

Wer will kann sich nach dem Besuch des Museums auf den Lindauer Friedensweg begeben, der vom Museum in 10 Etappen bis zum Kirchplatz auf der Insel führt. Der Weg ist markiert durch positive und negative Erfahrungen aus der Geschichte, durch Beispiele und Vorbilder von Friedensaktivitäten, durch Visionen vom Frieden und durch persönliche Lebenswege. Er greift die Stadtgeschichte auf und verknüpft Vergangenheit und Gegenwart. Mit Hilfe des ausführlichen Flyers, der im Museum ausliegt, kann sich der Besucher auf den Weg durch die schöne Landschaft machen.

Ich möchte jeden zu einem Besuch einladen, um eigene Erfahrungen zu sammeln. Ich selbst werde mit Sicherheit wieder kommen.

 

Villa Lindenhof - Lindau i. B. mehr als ein museum

Lindenhofweg 25, D - 88131 Lindau/Bodensee

Tel/Fax 0049/8382/24594

friedensraeume-L�schen Sie diesen Text-@freenet.de, www.friedens-raeume.de

pc.augsburg-L�schen Sie diesen Text-@gmx.de, www.augsburg.paxchristi.de

 

Für die Zukunft wünsche ich allen in der Bistumsstelle Augsburg viel Kraft und auch Freude bei der Friedensarbeit. Monika Graef